LEICHTER MEHRZWECK-HUBSCHRAUBER GESUCHT

23. Juli 2018

BUNDESHEER, REPORTAGEN

Sud-Aviation SA 316B ALOUETTE III © Doppeladler.comSud-Aviation SA 316B ALOUETTE III © Doppeladler.com

Sie kommen zum Einsatz, wenn Black Hawks und AB212 Hubschrauber zu groß, zu schwer, zu teuer oder einfach nicht verfügbar sind. Such- und Rettungseinsätze (auch im Hochgebirge), Aufklärungs- und Schulungsaufgaben, Begleitschutz sowie leichte Transporteinsätze aller Art sind typische Missionen der leichten Mehrzweckhubschrauber des Bundesheeres.

Einst hatte das Bundesheer 54 Hubschrauber dieser Größenklasse – aufgeteilt auf 3 Typen: Agusta-Bell AB 206A JET RANGER; Sud-Aviation SA 316B ALOUETTE III sowie Bell OH 58B KIOWA. Die JET RANGER wurden 2009 ersatzlos ausgeschieden. Spätestens 2023 muss die ALOUETTE III altersbedingt am Boden bleiben. Und auch der KIOWA wird dann bereits 47 Jahre alt sein.

Eine Nachfolgeregelung ist daher dringend geboten. Der ehemalige Verteidigungsminister Doskozil (SPÖ) hat die schubladisierte Beschaffungsabsicht für leichte Mehrzweckhubschrauber 2017 ein weiteres Mal hervorgekramt und Minister Kunasek (FPÖ) scheint nun eine Sonderfinanzierung erreicht zu haben.

DIE BESTEHENDE FLOTTE

Sud-Aviation SA 316B ALOUETTE III © Doppeladler.com
Sud-Aviation SA 316B ALOUETTE III © Doppeladler.com

Im Jahr 2017 leisteten die Hubschrauber des Typs Sud-Aviation SA 316B ALOUETTE III insgesamt 2.540 Flugstunden. Von den ursprünglich 29 beschafften Maschinen sind heute noch 21 Stück vorhanden. Erst am 29. Juni 2018 ging eine weitere Maschine durch einem Unfall verloren. Zuvor ging man vom Betrieb von 18 ALOUETTE III bis maximal ins Jahr 2023 aus (10 in Aigen im Ennstal + 8 in Langenlebarn). Die ältesten Hubschrauber sind dann unglaubliche 56 Jahre alt!
Typische Einsatzbereiche: Schulung (Langenlebarn); Such- und Rettungseinsätze / Bergungseinsätze; MEDEVAC; leichte Transportaufgaben – insbesondere im Hochgebirge; Löscheinsätze; Aufklärung / Grenzraumüberwachung (Konfiguration ‘Eule’ mit TV/IR Kameras und Suchscheinwerfer).

Bell OH58B KIOWA © Doppeladler.com
Bell OH58B KIOWA © Doppeladler.com

Die Bell OH 58B KIOWA des Bundesheeres sind Baujahr 1976 und damit im Jahr 2023 auch bereits 47 Jahre alt – d.h. am Ende ihrer Lebensdauer angelangt. Von den ursprünglich 12 beschafften Maschinen sind derzeit noch 10 vorhanden. Die KIOWAs sind als einzige Hubschrauber mit Bordwaffen ausgestattet (7,62 mm Minigun).
Typische Einsatzbereiche: bewaffnete Aufklärung / Pfadfinder; Luftraumsicherung / Objektschutz; Begleitschutz; Absetzen von Spezialeinsatzkräften; Aufklärung / Grenzraumüberwachung (Konfiguration ‘Eule’ mit TV/IR Kameras und Suchscheinwerfer); leichte Transportaufgaben.

Agusta-Bell AB 206A JET RANGER © Bundesheer
Agusta-Bell AB 206A JET RANGER © Bundesheer

Die 13 Hubschrauber des Typs Agusta-Bell AB 206A JET RANGER wurden 2009 ersatzlos ausgeschieden und deren Schulungsaufgaben an die ALOUETTE III übertragen. Für diesen Zweck wurden einige Maschinen von Aigen im Ennstal nach Langenlebarn verlegt.

PFLICHTENHEFT UND RFI

An einem Pflichtenheft für neue leichte Mehrzweckhubschrauber wird schon seit mindestens 2009 gearbeitet. Eine Beschaffung wurde jedoch aus budgetären Gründen immer wieder verzögert. Soweit bekannt kann man die wichtigsten Anforderungen wie folgt zusammenfassen (Stand 2017):

  • Zwei Triebwerke: Hier orientiert man sich u.a. an den Vorgaben für zivile Rettungshubschrauber, die über bebauten Gebiet operieren dürfen (JAR OPS-3; EU-Verordnung 965/2012). In einigen Staaten sind für Nachtflüge 2-motorige Hubschrauber vorgeschrieben (zB. Schweiz). Das wäre bei Auslandseinsätzen inkl. Überstellflügen zu beachten.
  • Transportkapazität von ca. 6 Personen inklusive Besatzung.
  • Kufen statt Radfahrwerk: Kufen erleichtern Landungen im Hochgebirge und das Zusammenwirken mit Spezialeinsatzkräften („Trittbrett“).
  • Volle Instrumentenflugtauglichkeit mit nur einem Piloten: deutliche Verbesserung bei Nachtflügen und Allwetter-Tauglichkeit.
  • Eignung für Medizinische Evakuierungen / Transporte – MEDEVAC
  • Bewaffnungsoption: Derzeit ist der KIOWA der einzige Hubschrauber des Bundesheeres mit Bordbewaffnung.

Am 21. August 2017 sendete das Verteidigungsministerium Anfragen (RFI – Request for Information) an folgende Hersteller aus: Leonardo für AW109 Trekker M, Bell-Texron für eine Militärversion der Bell 429 (ev. Umbau durch NorthStar) sowie an Airbus Helicopters für H135M und H145M. Das Ergebnis der Anfrage lag noch vor der Nationalratswahl 2017 im Oktober vor, es ist aber nicht bekannt, ob alle Unternehmen die Anfrage beantwortet haben. Aufgrund des Rechtsstreits bezüglich der Eurofighter Typhoon ist auch nicht klar, ob sich Airbus Helicopters an einer künftigen Ausschreibung beteiligen möchte bzw. darf. Das Ausscheiden der SPÖ aus der Regierung hat die Chancen von Airbus verbessert.

Die Nationalratswahl 2017, der darauffolgende Regierungswechsel sowie – erneut – der Boden der Realität des Heeresbudgets haben das Beschaffungsprogramm ausgebremst.
Unter Verteidigungsminister Kunasek (FPÖ) wurde an der Beschaffung jedoch weitergearbeitet. Konkret dürfte es Medienberichten zufolge um die Beschaffung von 12 leichten Mehrzweckhubschraubern zur ALOUETTE III Nachfolge gehen, für die sich Kunasek eine Sonderfinanzierung von “schnell einmal 300 Millionen Euro” wünscht. Nach Verhandlungen mit dem Finanzministerium konnte am 22.08.2018 eine Sonderfinanzierung für ein Katastrophenschutzpaket vorgestellt werden. Damit ist der Weg frei zur Beschaffung von 12 leichten Mehrzweckhubschraubern sowie 6 Schulungshubschraubern zur Alouette III Nachfolge. Außerdem sollen 3 gebrauchte Black Hawks beschafft werden.

 

Ein KIOWA in Konfiguration EULE zur Grenzraumüberwachung © BundesheerEin KIOWA in Konfiguration EULE zur Grenzraumüberwachung © Bundesheer

DIE KANDIDATEN

Auf Grundlage des Pflichtenhefts aus 2017 wurden vom Verteidigungsministerium die Hersteller der untenstehenden Typen um Informationen (RFI) gebeten. Unklar ist, in wie weit sich Minister Kunasek an dem unter seinem Vorgänger formulierten Anforderungsprofil orientiert.

Bell 429 Global Ranger
Die Bell 429 von Bell Helicopter Textron und Korea Aerospace Industries (KAI) ist eine Weiterentwicklung der bekannten JET RANGER / KIOWA Familie, zu der aktuell auch die Bell 407 oder die Bell 427 gehören. Zu ihrem Stammbaum gehören demnach auch die OH58B und AB206A, deren Nachfolge sie beim Bundesheer antreten würde. Die Variante Bell 429 zeichnet sich durch eine größere Kabine mit flachem Boden, einem Vierblatt-Hauptrotor mit variabler Drehzahl sowie einer Avionik aus, die den Instrumentenflug auch mit nur einem Piloten zulässt. Optional ist eine Heckklappe erhältlich. Sie kann 6-7 Passagiere transportieren. Der Erstflug fand am 27. Februar 2007 statt.

Die Bell 429 wird grundsätzlich als ziviler Helikopter vermarktet. Die slowakische Luftwaffe bestellte 2017 9 Stück um etwa 150 Mio. EUR [Link]. Die Firma NorthStar Aviation hat bei der Rüstungsmesse IDEX2017 eine militarisierte Variante angekündigt, ähnlich wie bereits für die Vereinigten Arabischen Emirate die Bell 407 zur NSA 407MRH wurde. Damit wäre die geforderte Bewaffnungsoption möglich.

Leonardo Helicopters AW109 Trekker M
Wie die Bell 429 ist auch die Leonardo Helicopters AW109 Trekker M keine völlige Neuentwicklung, sondern die jüngste Version der im zivilen und militärischen Bereich bewährten AgustaWestland AW109 / Grand (früher Agusta A109 Hirundo, Erstflug 4. August 1971). Die Trekker M ist eine neu entwickelte Militärversion mit Kufen. Sie kann 6-7 Passagiere transportieren. Der Prototyp der zivilen AW109 Trekker hob am 2. März 2016 zu seinem Erstflug ab. Für die Trekker M liegen bislang keine Bestellungen vor, allerdings ist aufgrund der vorhandenen Bauteile aus dem Leonardo-Regal das Risiko für den Erstkunden überschaubar. Die Trekker M kann mit den bei der AW109 eingeführten Waffensystemen ausgestattet werden. Die Luftwaffe der Philippinen beschaffte 2013 8 bewaffnete AW109 Helikopter um 77 Mio. USD.

Mit Leonardo besteht als lizensierter Hersteller der Typen AB204, AB206, AB212 des Bundesheeres eine langjährige Zusammenarbeit (AB … Agusta-Bell).

Airbus Helicopters H135M
Der H135 basiert auf dem Bo 108 von MBB, der nach der Fusion zu Eurocopter den Fenestron-Heckrotor von Aérospatiale verpasst bekam. Am 1. Februar 1994 hob die mit dem neuen Heckrotor ausgerüstete Bo 108-A1 als erster Hubschrauber der neuen Bauserie EC135 zu ihrem Erstflug ab. In Österreich ist der H135 als „Gelber Engel“ des ÖAMTC und Einsatzmuster der Polizei bereits bekannt. Der H135M ist die Militärversion und wurde zuvor als EC635 P/T2+„e“ bezeichnet. Er kann 6-7 Passagiere transportieren. Die Schweiz ersetzte ihre ALOUETTE III Modelle mit Hubschraubern dieses Typs und bezahlte 2005 für 20 Hubschrauber etwa 130 Mio. EUR. Der H135M kann mit dem neuen HForce Bewaffnungspaket ausgerüstet werden.

Airbus Helicopters H145M
Fast eine Nummer größer als der H135M sowie auch der Mitbewerb ist die Militärversion des H145 (früher als Eurocopter EC645 T2 bezeichnet). Er kann neben dem Piloten bis zu 10 Passagiere befördern. Beide Airbus-Typen haben mit der Bölkow Bo 105 den gleichen Urahn. Als MBB/Kawasaki BK 117 fand der Erstflug des Typs am 13. Juni 1979 statt. Natürlich wurde das Modell, später als Eurocopter EC145 bzw. Airbus Helicopters H145 bezeichnet, seither ständig weiterentwickelt.
Ein H145M mit konventionellem Heckrotor wird als UH-72 Lakota in größeren Stückzahlen von der US Army eingesetzt. Der H145M sorgte in jüngster Vergangenheit als neuer Hubschrauber für das Spezialeinsatzkräfte / KSK der Bundeswehr sowie durch die Beschaffungen durch Serbien und Ungarn für Schlagzeilen. Der H145M kann mit dem neuen HForce Bewaffnungspaket ausgestattet werden. Ungarn hat 2018 für 20 H145M, teilweise mit HForce ausgestattet, 309 Mio. EUR bezahlt. Darin ist ein Ausbildungs- und Wartungspaket enthalten.

AUSBLICK

Mit dem Katastrophenschutzpaket 2018 kann nun die Beschaffung von 12 leichten Mehrzweckhubschraubern sowie 6 Schulungshubschraubern auf Schiene gebracht werden. Das ist erfreulich. Damit ist die ALOUETTE III Nachfolge geregelt.
Doch auch die 10 KIOWA benötigen dringend Ersatz und dieser fällt derzeit in der Kommunikation auffallend unter den Tisch. Wie ein Pressesprecher via Twitter am 23.08.2018 bekanntgab, sollen die OH58B noch eine zeitlang weiterbetrieben werden (“derzeit kein geplantes Nutzungsende”). Eine Reduktion von 31 auf 12 Einsatzmuster wäre eine extreme Reduktion der Leistungsfähigkeit der Luftstreitkräfte, ist aber angesichts der geringen budgetären Ausstattung des Bundesheeres durchaus nach Außerdienststellung der OH58B ein mögliches Szenario. Sollte es wirklich soweit kommen kann man nur auf eine spätere stufenweise Anhebung der Stückzahlen hoffen. Durch die geplante Anschaffung von drei zusätzlichen Black Hawks kann einem Ausfall an Lufttransportkapazität entgegengewirkt werden.

Überraschend ist die Beschaffung von Schulungshubschraubern und damit der Möglichkeit, die Anzahl der Hubschraubertypen des Heeres zu reduzieren. Mit jeder Typenbereinigung vereinfachen und vergünstigen sich Betrieb und Ausbildung. Vollwertige Simulatoren sollten zur zeitgemäßen, effektiven und kostengünstigen Aus- und Weiterbildung mittlerweile auch in Österreich längst Standard sein – derzeit gibt es im Hubschrauberbereich gar keine Flugsimulatoren. Die erforderliche Simulator-Technik sollte bei jeder künftigen Beschaffung mitbedacht werden.

Weiterführende Links:

Updates:

  • 26.07.2018 – Sonderinvestition soll im Herbst 2018 ausverhandelt sein. Link Kurier eingefügt.
  • 31.07.2018 – Kaufpreis H145M für Ungarn ergänzt [Quelle].
  • 22.08.2018 – Einarbeitung Katastrophenschutzpaket 2018 [Bericht].
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