Leonardo Helicopters AW169M / UH-169B © Esercito Italiano

Leonardo AW169M für das Bundesheer

by Doppeladler

Die Sud-Aviation SA 316B ALOUETTE III des österreichischen Bundesheeres wird 2023 endgültig ausgemustert. Die überlebenden Maschinen sind dann bis zu 56 Jahre alt. Über einen Nachfolgetyp wird bereits seit über einem Jahrzehnt diskutiert und mindestens seit Februar 2009 wird am Pflichtenheft gearbeitet. Am 21. September 2020 wurde offiziell bekanntgegeben, dass die AW169M von Leonardo Helicopters der ALOUETTE III nachfolgen wird. Wie es dazu kam und wie die Verwendung des Hubschraubers vorgesehen ist, wollen wir im Folgenden vorstellen. Eine Beschreibung des AW169M finden Sie in unserem Portrait.

DER BESCHAFFUNGSVORGANG

Nach fast 10jähriger Diskussion wurde am 22. August 2018 im Ministerrat ein Hubschrauber- und Mobilitätspaket für die Sicherstellung des Katastrophenschutzes durch das Bundesheer beschlossen. Darin war die Beschaffung von 18 Mehrzweckhubschraubern zur ALOUETTE III Nachfolge mittels Sonderfinanzierung außerhalb des Heeresbudgets enthalten.

Für die Beschaffung wurde anstelle einer klassischen Ausschreibung ein Government-to-Government Vertrag angestrebt, welcher vorsah, keinen Kaufvertrag mit einem Hersteller, sondern mit einer Regierung abzuschließen. Aufgrund vermuteter Unregelmäßigkeiten beim Ankauf der Eurofighter sollten Lobbyisten möglichst ausgeschlossen werden. Auch auf Gegengeschäfte wurde verzichtet. 376 Muss- und Sollanforderungen wurden definiert und 27 Staaten wurden angefragt, ob auf dieser Grundlage eine gemeinsame Beschaffung möglich wäre. Die Kooperation sollte nicht nur die Beschaffung, sondern auch die Ausbildung und den Betrieb umfassen.

Nach Auswertung der Rückmeldungen kamen drei Kandidaten in die nähere Auswahl, die sich bei regulären Ausschreibungen aufgrund unterschiedlicher Größenklassen bisher selten gegenüberstanden:

Die USA und Kanada haben die Bell 429 angeboten. Es handelte sich um den kleinsten Vertreter im Feld. Doch weder die US-, noch die kanadischen Streitkräfte betreiben den Typ in einer Militärversion oder planen eine Beschaffung, wodurch bei Ausbildung, Logistik und Betrieb keine Regierungskooperation möglich gewesen wäre. Die geforderte Bewaffnungsoption wäre zudem noch zu entwickeln gewesen. Darüber hinaus bestanden laut BMLV bei so weitreichenden Government-to-Government Geschäften mit einem Nicht-EU-Partner zusätzliche rechtliche Hürden.

Bell 429 der Streitkräfte des Oman © Bell Helicopters
Bell 429 der Streitkräfte des Oman © Bell Helicopters

Deutschland bot die AIRBUS Helicopters H145M an, welchem durch Bestellungen des deutschen Kommandos Spezialkräfte KSK, durch Serbien und Ungarn auch in Österreich gute Chancen eingeräumt wurden. Allerdings benötigt Deutschland die nächste Tranche erst ab 2024 und plant im Gegensatz zu Österreich, große Teile der Wartung an die Industrie auszulagern, wodurch eine Kooperation nicht im vollen Umfang möglich gewesen wäre. Die Typenentscheidung ist in Deutschland auch noch nicht final erfolgt. Der Rechtstreit mit AIRBUS über den EUROFIGHTER TYPHOON spielte laut BMLV bei der Bewertung keine Rolle, allerdings gab Tanner zu, dass ihr die Empfehlung gegen AIRBUS durchaus entgegenkam („Meine Einstellung zu AIRBUS ist bekannt“).

AIRBUS Helicopters H145M des deutschen Kommandos Spezialkräfte © AIRBUS
AIRBUS Helicopters H145M des deutschen Kommandos Spezialkräfte © AIRBUS

Der Generalstab sprach daher die klare Empfehlung aus, die Vertragsverhandlungen mit Italien zur Beschaffung der Leonardo Helicopters AW169M aufzunehmen. Die Anforderungen und Zeitpläne der beiden Regierungen passen gut zusammen, eine Kooperation bei Ausbildung, Logistik und Betrieb ist mit dem Nachbarland im gewünschten Umfang möglich. Bei der Entscheidung waren auch Experten der Finanzprokuratur eingebunden.

Wie am 21. September 2020 bekanntgegeben wurde, hat Ministerin Tanner den Generalstab mit der Aufnahme der Vertragsverhandlungen beauftragt. Das Vertragsvolumen beträgt etwa 300 Mio. EUR. Mit dieser Summe ist die Gesamtheit der Beschaffung – Hubschrauber, Technik, Logistik, aber auch die Ausbildung sowie infrastrukturelle Erfordernisse – abzudecken. Es handelt sich um die größte Beschaffung seit dem Ankauf der Eurofighter Typhoon. Österreich wird der erste Exportkunde der Militärversion.

Leonardo Helicopters AW169M / UH-169B © Esercito Italiano
Leonardo Helicopters AW169M / UH-169B © Esercito Italiano

DER ZEITPLAN ZUR EINFÜHRUNG

Nach Abschluss der Vertragsverhandlungen wird die Produktion der Hubschrauber (ca. 18 Monate) beginnen. Bereits Mitte 2022 könnten die ersten AW169M in Österreich eintreffen, die letzten Anfang 2024. Eine erste Einsatzbereitschaft (IOC) soll noch Ende 2023, wenn die ALOUETTE III am Boden bleiben muss, möglich sein. Die volle Einsatzfähigkeit (FOC) über das gesamte Aufgabensprekturm hinweg soll Ende 2026 erreicht werden. Die geplante Nutzungsdauer beträgt mindestens 30 Jahre.

Der bei der Vorstellung der Kaufentscheidung vorgestellte Zeitplan © Bundesheer
Der bei der Vorstellung der Kaufentscheidung vorgestellte Zeitplan © Bundesheer

DER AW169M FÜR DAS BUNDESHEER

Von den Vertragsverhandlungen mit Italien, in welche auch die Anforderungen der italienischen Heeresflieger an den AW169M einfließen, hängt ab, wie die Hubschrauber des Bundesheeres konfiguriert werden: Zumindest die italienische Armee und das heimische Jagdkommando dürften Kufen einem Räderfahrwerk vorziehen. Italien hat auch Interesse daran, das max. Abfluggewicht nochmals auf 5.100 kg zu erhöhen. Eine Enteisungsanlage ist dem Bundesheer vermutlich wichtiger als der Esercito Italiano.
Auf die Beschaffungs- und Betriebskosten haben die Verhandlungen auch noch erheblichen Einfluss. Diese Unsicherheiten geht man bewusst ein.

Es wurde noch nicht bekanntgegeben, ob sich die sechs in Langenlebarn stationierten Hubschrauber technisch unterscheiden, da diese auch für die Ausbildung genutzt werden sollen.

Bereits bekannt gegeben wurde, dass Österreich zunächst je vier Missionseinrüstungspakete für Such- und Rettungsaufgaben sowie den Patiententransport, für die Unterstützung von Spezialeinsatzkräften, für die Luftaufklärung sowie zur Bewaffnung. Auch ein Selbstschutzsystem soll eingerüstet werden. Bei der medizinischen Ausstattung soll dem Vernehmen nach ein österreichischer Anbieter zum Zug kommen (z.B. die Air Ambulance Technology GmbH).

Das Waffensystem sollte gemäß militärischem Pflichtenheft aus folgenden Komponenten bestehen: Bordkanone (12,7 mm oder 2 cm), gelenkte und ungelenkte Raketen, idealerweise eine mit Laser endphasengesteuerte Lenkrakete, ein FLIR, das neben Luftaufklärungsaufgaben auch für einen präzisen Waffeneinsatz verwendet werden kann und ein im Hubschrauber integrierter Waffenrechner inkl. Visiermöglichkeit. Die Waffen sollen auf einem Träger aufgebaut sein, der innerhalb weniger Stunden in den Hubschrauber ein- und ausbaubar ist.

Konzept für einen bewaffneten AW169M © Leonardo
Konzept für einen bewaffneten AW169M © Leonardo

Im Zuge der Ausbildungskooperation wird auch die Simulatorausbildung in Italien aufgenommen. Der derzeitige Zeitplan sieht Mitte 2026 einen vollwertigen Simulator in Österreich vor. Das ist allerdings ebenfalls noch Gegenstand von Verhandlungen.

Einsätze im Hochgebirge

AW169 bei einer Windenbergung im Gebirge © Leonardo

Für die Paradedisziplin der ALOUETTE III dürfte der AW169M aufgrund der höchsten Leistungsreserven und Einsatzflughöhen im Bewerberfeld gut geeignet sein. Weil die Rotorkreisfläche größer ist, entsteht trotz des höheren Gewichts ein vergleichbarer Luftdurchsatz („Downwash“). Das spielt bei Windenbergungen eine Rolle. Die Allwettertauglichkeit lässt sich durch den Einsatz von optionaler Avionik und einer Enteisungsanlage weiter steigern. Die renommierte Schweizer Flugrettung REGA hat ihre AW169 in einer solchen Konfiguration bestellt. Für Löscheinsätze in unzugänglichen Gebieten kann der AW169M mit 1.500 Litern Löschwasser die dreifache Menge der ALOUETTE III einsetzen.

STATIONIERUNG DER AW169M

Die Typenwerft soll wie bei der ALOUETTE III in Aigen im Ennstal angesiedelt werden (Fliegerwerft 3). Dort werden auch 12 Hubschrauber stationiert und je nach Bedarf an Hubschrauberstützpunkte verteilt. Dazu soll auch in Vorarlberg ein neuer Hangar errichtet werden. Sechs Hubschrauber sollen in Langenlebarn „für die Ausbildung und für Einsätze“ bereitstehen. Diese Formulierung lässt vermuten, dass keine eigene (technisch unterschiedliche) Schulungsversion beschafft wird.

Weitere Fragen:

Wurde der teuerste Hubschrauber gekauft?
Der AW169M ist der größte und leistungsfähigste Typ, der zur Auswahl stand. Grundsätzlich sind mit höherer Leistung immer höhere Kosten verbunden. Die in den Medien kolportieren Flugstundenkosten (Bell 429 ca. € 800, H-145 ca. € 1.000, AW169 ca. € 1.300) stammen aus der Conklin & deDecker Datenbank, die in der Zivilluftfahrt verwendet wird und beziehen sich somit auf die jeweilige zivile Version. Es wurde dabei keine Relation zu den Größen und Fähigkeiten der Hubschrauber hergestellt (Anzahl der Passagiere, Gewicht einer Außenlast usw.). Das BMLV verweist auf eine Ausschreibung der norwegischen Polizei, wo die AW169 mit Missionsausstattung (FLIR etc.) günstiger was als der H145.
Italien wird die Bestellmenge bei Leonardo um die 18 österreichischen Maschinen erhöhen. Die größere Bestellung sollte spürbar den Stückpreis senken.

Wie sieht es mit der Nachfolge für OH-58B KIOWA und AB212 aus?
Beide Typen sollen noch bis mindestens 2030 betrieben werden und daher werden hier noch keine Entscheidungen getroffen. Grundsätzlich könnten auch diese beiden Typen durch den AW169M abgelöst werden. In Italien ist genau das vorgesehen (AB206, AB212). Hinter vorgehaltener Hand wird spekuliert, dass der Generalstab auch deshalb vom AW169M überzeugt ist, weil er hinsichtlich der Nachfolge für OH-58B und AB212 einen ähnlichen Kampf erwartet wie bei der ALOUETTE III oder SAAB 105OE Nachfolge.

Hier geht es weiter zum Portrait des leichten Mehrzweckhubschraubers AW169M.

Weiterführende Links:

Titelbild: Leonardo Helicopters AW169M / UH-169B © Esercito Italiano

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