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© Helmut Skrdla


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Im Kampf mit dem Gebirge
© Helmut Skrdla
Ein persönlicher Erlebnisbericht über die größte Bundesheer-Gebirgskampfübung des Jahres von Helmut Skrdla für Doppeladler.com
 
Alles ganz einfach, oder?  
Nüchtern und sachlich betrachtet, ist der Infanteriekampf im hochalpinen Gelände, jenseits der Baumgrenze, für den Laien eigentlich ein einfaches und wenig hervorstechendes militärisches Thema.

Während in niederen Gebieten meist der Kampf der verbundenen Waffen geübt wird und das Zusammenspiel aller Waffengattungen (Panzer, Artillerie, Infanterie und Luftstreitkräfte) entscheidend ist, so sucht man jenseits von 2.000 Metern Seehöhe jedwede Fahrzeuge meist vergeblich. Der Einsatz von Artillerie wird erschwert, und bei oft vorherrschendem schlechten Wetter ist auch mit Luftunterstützung nicht zu rechnen. Bestenfalls können moderne Hubschrauber wie der S-70 Black Hawk als Transportmittel dienen - oder ganz altmodisch schwere Lasten mittels Tragtieren (Haflingern) befördert werden.

Was bleibt ist im allgemeinen der Kampf Zug gegen Zug, Gruppe gegen Gruppe, mit den traditionellen "leichten" Infanteriewaffen wie MG 74 und StG 77, gelegentlich eventuell verstärkt nur durch ein Panzerabwehrrohr oder einen Granatwerfer.
 

Jenseits von 2.000m ist Top-Gerät gefragt - so wie der leistungsstarke S-70A-42 Black Hawk, der u.a. dank Wetterradar und Enteisungs-
anlage fliegen kann, wenn andere Hubschrauber längst versagen.
 
Wie gesagt, sachlich und nüchtern betrachtet ist das "nicht viel" - wer aus militärischem Interesse nach großen Schlachten und ausgefeiltes Zusammenspiel aller Kräfte sucht, wird im Hochgebirge nicht fündig.

Und doch - was hier unten im Flachland sich so einfach anhört, wird in 2.400 Metern Meereshöhe plötzlich alles ganz anders. Ich sollte das selbst aus nächster Nähe erfahren.
 
Mitten rein in die "Kaltfront"  
Nach der erfolgreichen Berichterstattung von der "Lage Pegasus" [Link] im Sommer diesen Jahres wurde mir nämlich die Ehre zuteil, von Major Volkmar Ertl, dem stellvertretenden Kommandanten des Jägerbataillon 25, persönlich zur "Kaltfront" - so der Name der Übung um die es hier geht - eingeladen zu werden. Die dritte Kompanie
(3. JgKp) des Bataillons, die ja seit 2000 als KPE/KIOP (Kräfte für internationale Operationen / Kaderpräsenzeinheit) aufgestellt ist und als einziger Teil des JgB 25 einen Alpinauftrag hat, würde dort im Rahmen eines simulierten UN-Friedenssicherungseinsatzes das Nordportal des Felbertauerntunnels freikämpfen, welches von Guerillas der ehemaligen "Rotland-Armee" (im folgenden als "OpFor" bezeichnet) besetzt worden ist - die damit den einzelnen leistungsfähigen Gebirgsübergang der Gegend kontrollieren.

Die gesamte zugrundeliegende Situationsbeschreibung (die sogenannte "Lage Kaltfront", in der es um ethische Konflikte zwischen "Grünland" und "Rotland" geht) wurde im Rahmen eines Planspiels von Obstlt Johann Gaiswinker, Kommandant der Lehrabteilung 3 (LAbt 3) der Jägerschule (JgS) in Saalfelden, natürlich wesentlich komplizierter und fachmännischer ausgearbeitet, soll hier aber nicht im vollen erwähnt werden da dieser Bericht sonst seine bereits umfangreiche Länge leicht verdoppeln würde.
 


2006 feiert das Bundesheer
100 Jahre Militärbergführer
und 50 Jahre Heeresbergführer.
Hinter der LAbt 3 in der JgS verbirgt sich DAS österreichische Kompetenzzentrum für die Ausbildung zum hochalpinen bzw. Gebirgskampf. Dort erfolgt neben der Erprobung von neuer Hochgebirgsausrüstung (derzeit sind gerade neue Schneeschuhe und Lawinensuchgeräte im Test) unter anderem auch die Ausbildung von Führungsoffizieren zu den drei offiziellen militärischen alpinen Qualifikationen, nämlich "Hochalpinist", "Bergführergehilfe" und "Bergführer", jeweils in mehrwöchigen aufeinander aufbauenden Kursen.
2006 feiert man übrigens zwei besondere Jubiläen - nämlich den
100. Jahrestag der Einführung der "Militärbergführer" Qualifikation, und den 50. Jahrestag der Einführung des "Heeresbergführers".
 
Die LAbt 3 bietet außerdem auch ausländischen militärischen Gästen regelmäßig die Möglichkeit, einen internationalen Gebirgskurs zu besuchen welcher in Englisch abgehalten wird - und gerade die Teilnehmer dieses Gebirgskurses (zum Zeitpunkt der Übung etwa 12 Mann unter anderem aus Slowenien, Kroatien, Pakistan und Jordanien) zusammen mit ihren Ausbildnern der JgS würden laut Übungsbefehl als Feinddarsteller den Part der OpFor übernehmen. Der Ausgang der Übung war offen - anders als bei "Pegasus" war die Niederlage der Feindarsteller nicht von vornherein festgelegt, sondern es würde eine faire Bewertung des Gefechts durch Schiedsrichter geben, was sicher beide Seiten motivierte ihr absolut bestes zu geben.

Als Übungsleitung und Bataillonskommando für die 3. JgKp fungierten Offiziere der JgS unter der Führung von Obstlt Gaiswinkler, welcher sich auch persönlich um meine Ausrüstung und Sicherheit kümmern würde.

Erster Tag - Dienstag, 14. November - Doch nicht so einfach...
Und spätestens bei diesen Themen wurde mir als bergtechnischem "Newbie" klar, das dort oben doch wesentlich härtere Regeln gelten, als man sich gemeinhin vorstellen mag.

Die Standard-Ausrüstung der Kadersoldaten für diese Übung bestand (auszugsweise) unter anderem aus Schneeschuhen, Steigeisen, Schneestöcken, speziellen zweiteiligen Alpinschuhen, Überjacken, Überhosen, Gamaschen, Lawinensuchgeräten ("Pieps"), Eisaxt, Schneetarnanzügen, Alpinschlafsäcken, Alpinzelten und noch vielen anderen Dingen mehr. Tourenschi und Kletterseile blieben allerdings diesmal zu Hause.

Als die netten Herren der Übungsleitung begannen, mich ebenfalls dementsprechend einzukleiden, bekam ich so also einen ersten Vorgeschmack auf das Gelände, in dem sich die Truppe die nächsten Tage aufhalten würde. Die Aussicht auf bis zu -30 Grad "gefühlter" Temperatur durch den "WindChill-Faktor" war nicht grade verlockend, und meine Laune wurde durch unseren freundlich feixenden Black Hawk - Piloten auch nicht grade gehoben, der beim Mittagessen meinte ER würde da oben nicht freiwillig aussteigen. Ja klar, die drei Herren der 1. Staffel aus Langenlebarn, angereist mit dem S-70 "6M-BD", würden einfach die Heizung im Cockpit hochdrehen und sich an dem Anblick von etwa 50 Mann Infanterie (+ eines Reporters) erfreuen, die da oben aus dem warmen Hubschrauber in den knietiefen Schnee springen mussten.

Allein, es half alles nichts - am frühen Nachmittag ging es zusammen mit der Übungsleitung zum Sportplatz der Ortschaft Virgen in Osttirol, wo bereits alles für den Abflug vorbereitet war.

Am Vormittag hatte die 3. JgKp. im gesicherten motorisierten Marsch auf Pinzgauern bereits von Virgen aus auf ihren Absprungpunkt verlegt, der relativ nahe am Ziel etwa 1.000 Höhenmeter unter dem geplanten Lagerplatz für die erste Nacht lag. Dort wurden die Fahrzeuge abgestellt und bewacht, während der Black Hawk die Übungsleitung und mich zum Lande- und Lagerplatz in 2.400 Metern Höhe flog.
 

"Das Verlassen eines Hubschraubers im Tiefschnee ist jedes Mal eine interessante Erfahrung."

Der eisige "Downwash" beim Abheben des Helikopters.
 
Das Verlassen eines Hubschraubers im Tiefschnee ist jedes Mal eine interessante Erfahrung - ich hatte ja das Vergnügen bereits beim Hochgebirgs-Landekurs im März diesen Jahres [Link] und wusste also in etwa was mich erwarten würde. Nachdem die Herren der JgS unsere voluminösen Rucksacke aus dem Helikopter entladen hatten, ging es hinaus in den metertiefen Schnee. Jeder Mann kauerte sich außen über seinen Rucksack und versuchte dann dem eisigen "Downwash" zu trotzen als der Helikopter abhob. Der für die nächsten Stunden vorherrschende Eisregen erhöhte dabei den Spaßfaktor nur unwesentlich.

Noch ohne Schneeschuhe, da diese im Hubschrauber nicht getragen werden können, ging es dann einige hundert Meter weiter an den Rand der großen, relativ flachen Landezone, während der Black Hawk bereits auf dem Weg zum Absprungpunkt der "25er" war, und sehr bald mit dem ersten "Lift" zurückkehrte - weitere drei sollten folgen, dann war der größte Teil der 3. JgKp unter ihrem stellvertretenden Kommandanten Olt Christoph Kyrle angelandet.

Die Aufgaben für den Nachmittag des ersten Tages waren dreigeteilt - während einerseits die Landezone erkundet und gesichert werden musste, war es andererseits nötig die "Salewa" Hochgebirgszelte zu errichten um die Nacht halbwegs warm zu verbringen; ein Vorauskommando bestehend aus einer einzelnen Gruppe würde außerdem schon zeitig am Nachmittag aufbrechen, um noch bei Einbruch der Dunkelheit die "Amertaler Scharte", zu besetzen, jenen höhergelegenen Übergang ins Nachbartal, über den sich in den Morgenstunden dann die ganze Kompanie abwärts zum Angriffsziel, dem Nordportal des Tunnels, bewegen würde.
     
Erkunden und Sichern ist definitiv eine Spezialität des Scharfschützentrupps, welcher gleich nach dem ersten Lift ins umliegende Gelände entsandt wurde, um nach eventuellen feindlichen Truppen Ausschau zu halten. Jeder dieser Soldaten hat eine mehrwöchige Spezialausbildung hinter sich, in der besonders auf Ausdauer, Teamarbeit und das ungesehene Vorgehen im Gelände geachtet wird.
 

"Erkunden und Sichern ist definitiv eine Spezialität des Scharfschützentrupps."

Sicherungsposten mit MG74.
 
Um unwillkommene Störungen der Nachtruhe zu vermeiden, wurden dann oberhalb der Lagerzone noch einige Außenposten, bestehend jeweils aus zwei oder drei Mann in einem einzelnem Zelt und gut bewaffnet mit MG 74 errichtet; diese würden die Nacht über abwechselnd Wache halten und damit den Schlaf der Kompanie schützen.
 
50 Meter tiefer wuchs derweil in einem unglaublichem Tempo eine respektable kleine Zeltstadt aus dem Boden; jeweils zwei bis drei Mann hatten eines der sehr leichten und doch witterungs- bzw. kältefesten "Salewa" Zelte auf den Berg verbracht und waren nun fleißig damit beschäftigt, die besten Campingpositionen für ihr Nachtquartier vorzubereiten. Auch die ersten Gaskocher gingen in Betrieb und bald gab es warme, sehr schmackhafte so genannte "Combat Rations".
Diese gefriergetrockneten bzw. dehydrierten Nahrungsmittelpakete die man auch aus dem zivilen Outdoor- oder Extremsportbereich kennt, sind bei geringem Gewicht und Transportvolumen doch echte Energiewunder - eine komplette Mahlzeit liefert immerhin bis über 4.000 kcal (zum Vergleich: Eine 300g Tafel Milka-Schokolade bringt gerade mal 500 kcal "Brennwert" in den Körper). Zur Zubereitung benötigt man lediglich heißes Wasser, das sich aus dem überall vorhandenen Schnee einfach erzeugen lässt. Leider ist der Preis dieser ausgezeichneten Rationen doch deutlich höher als die normale "Kaltverpflegung" weshalb sie eher selten ausgegeben werden.
 

Im Hochgebirgskampf entscheidet jedes einzelne Ausrüstungsteil über Leben und Tod. Besonders wichtig sind hochwertige Hochgebirgszelte.

In kürzester Zeit ist eine kleine Zeltstadt entstanden.
 
Etwa zwei Stunden nach unserer Landung trennte sich dann auch die Vorhut vom Rest der Kompanie und begab sich auf den langen Aufstieg zur "Amertaler Scharte" - meine uneingeschränkte Bewunderung gilt hierbei vor allem dem MG 74-Schützen, der zusätzlich zur persönlichen Ausrüstung, Kleidung und Verpflegung auch noch eine schwere Waffe mit 12kg und einige hundert Schuss Übungsmunition tragen muss. Die körperliche Leistung die hierbei erbracht wird ist enorm, und für einen untrainierten Zivilisten wie mich zugegebenermaßen schwer vorstellbar.

Nachdem ich also mit dem Fotografieren und Dokumentieren der Tätigkeiten rund um den Lagerplatz fertig war und sich der Eisregen gelegt hatte, wurde es für mich und meine beiden Betreuer dann Zeit, noch bei gutem Licht auf den Bataillonsgefechtsstand in die etwa 300 Höhenmeter über uns gelegene Karl-Fürst Berghütte aufzusteigen. Dort würden wir auch die Übungsleitung unter Obstlt Gaiswinkler wieder treffen.
Ich hatte mittlerweile halbwegs gelernt, mit den ungewohnt breiten Schneeschuhen an den Füßen zu gehen, aber trotz der Tatsache, dass ich keine Waffen oder Munition irgendeiner Art tragen musste und mein Rucksack nur mit dem notwendigsten an Kleidung für zwei Tage gefüllt war, konnte ich bald feststellen das der wahre Feind im Hochgebirge die eigene Leistungs- bzw. Konditionsgrenze ist.

Meinen beiden Begleitern schien die Höhenluft und der steile Anstieg des Weges nicht das geringste auszumachen, aber für mich waren die 90 Minuten bis zum Eintreffen oben auf der Hütte eine wahrhaft grenzwertige Anstrengung. Schön langsam begann sich mein eingangs erwähntes Weltbild betreffs militärischer Einsätze im Hochgebirge jedenfalls gewaltig zu verschieben.
 

Marsch steil bergauf, im Tiefschnee, mit schwerem Marschgepäck und Schneeschuhen - eine echte Herausforderung.


 
Immerhin: Der Sonnenuntergang auf 2.629m Seehöhe, fernab jeder Zivilisation, entschädigt dann für alle Anstrengungen des Tages. Bei so viel schöner unberührter Natur ist es auch kein Wunder das die meisten Mitglieder der JgS/LAbt 3 gerne und seit frühester Jugend in den Bergen unterwegs sind, auch in deren Freizeit, und genau solche Männer sich als ideale Rekruten für die Gebirgsjägerausbildung bzw. die Qualifikation zum Heeresbergführer eignen.
 
Dämmerung auf 2.629m Seehöhe.


 
Obstlt Johann Gaiswinkler, mit dem ich dann erfreulicherweise Gelegenheit hatte abends noch lange beim Licht von Kerzen und LED-Stirnlampen, bei reichlich Combat-Rations und Vitaminpulver, über die Strapazen und taktischen Vorteile des Gebirgskampfs zu philosophieren, ist genau einer dieser Menschen. Ein großer starker Naturbursche in den besten Jahren, mit rotem Haar und Vollbart - müsste ich als Romanautor einen Bergführer erfinden, könnte ich es nicht besser treffen.

"Hans" hat ein wunderbares Talent, sich um seine Leute zu kümmern - von den Männern der Übungsleitung bis hinunter zur ganzen Kompanie, und man merkt vom ersten Moment an das er die Berge, Schneeverhältnisse, Lawinen- und sonstige Gefahren wie seinen eigene Westentasche kennt. Obwohl ich als Gebirgsneuling am ersten Tag ziemlich überfordert von der ganzen Umgebung war, fühlte ich mich doch stets in guten Händen durch ihn und seine Kameraden.
Trotzdem - hinter der sympathischen, fast schon väterlichen Figur steckt ein knallharter Taktiker, der genau wusste wie er den Gegner am nächsten Tag mit aller verfügbaren Gewalt aus dem Tunnelportal schmeißen würde. Er sieht die Strapazen des Hochgebirges nämlich nicht als Hindernis, sondern ist der Meinung das genau hierin die Möglichkeit liegt, sich große taktische Vorteile gegenüber des Gegners zu verschaffen. Nach mehrtägigem Biwak in den Bergen, wo selbst die normalsten Verrichtungen des Alltags zum Problem werden (Körperhygiene, der Gang zur Latrine, die Versorgung mit genug Lebensmittel und Wasser...) entscheidet sich das Gefecht nämlich oft schon, bevor noch die erste Kugel abgefeuert wurde.
 
"Gewinnen wird jene Seite, die besser darauf vorbereitet ist,
in dieser unfreundlichen Umgebung zu überleben."
 
Gewinnen wird dabei jene Seite, die besser darauf vorbereitet ist in dieser unfreundlichen Umgebung zu überleben. Selbst in den "ruhigen" Phasen des Konflikts zwischen Indien und Pakistan in der Kaschmir-Region, so erzählte mir Hans, hat jedes Bataillon dort im Durchschnitt einen Mann pro Tag nur durch Unfälle, Erfrierungen etc. verloren. Auch die Versorgung von Verwundeten (ob durch Kampf oder Unfall) ist in diesem Gelände sehr schwierig falls das Wetter kein sofortiges Ausfliegen mittels Hubschrauber erlaubt. Der eigentliche Feuerwechsel beim endgültigen Angriff besiegelt dann oft nur mehr formal, was bereits lange vorher schon festgelegt wurde, weil eine Seite nicht die nötigen Fähigkeiten hat, längere Zeit "da oben" zu bestehen.
 

Selbst gerade erst "nur" 300 Höhenmeter aufgestiegen (und noch immer völlig außer Atem), hatte ich nun also eine ungefähre Vorstellung davon, was der Kampf im alpinen Gelände wirklich fordert. Leider war, gerade als es richtig interessant wurde, auch schon der Zeitpunkt gekommen mich festzulegen ob ich am zweiten Tag frühmorgens mit der 3. JgKp weitergehen und den eigentlichen Angriff beobachten - oder ob ich doch lieber ins Tal absteigen und die Tragtierstaffel besuchen würde.

 
Es war definitiv keine leichte Entscheidung für mich - aber aus Sicherheitsgründen war die einzig richtige Wahl, die ich für mich selbst treffen musste, den ruhigen und körperlich weniger anstrengenden Abstieg zu wählen. Ein einziger Fehltritt, aus Müdigkeit und Unaufmerksamkeit schnell passiert, ein verstauchter Knöchel oder gebrochener Arm, und schon wäre eine ganze Jägergruppe nur damit beschäftigt, mich ins Tal zu bringen - und den taktischen Vorteil wollte ich den Gegnern des JgB 25 nicht gönnen.

Nach dieser schweren, aber sicherlich richtigen Entscheidung, war es mir und meinen Begleitern dann vergönnt, in unsere Alpinschlafsäcke zu kriechen und bis in die frühen Morgenstunden zu schlafen.

Zweiter Tag - Mittwoch, 15. November - zurück in die Zivilisation ...
Um drei Uhr morgens kam wieder Leben in die Berghütte, die Kameraden der Übungsleitung begannen sich vorzubereiten und marschierten Punkt vier Uhr ab, um zur dritten Kompanie aufzuschließen. Der Anblick der sich vor der Tür bot, war majestätisch - ein klarer Nachthimmel mit Millionen von Sternen, mehr als man als Stadtmensch jemals sehen würde - und fast wie in einem Spiegel darunter eine lange, helle, sich bewegende Lichterkette, jeder Leuchtpunkt ein Infanteriesoldat mit seiner Stirnlampe auf dem Weg ins Gefecht. Keine Kamera der Welt kann das festhalten...

Um etwa 7:30, als wir selbst auf dem Weg nach unten waren, sahen wir gerade noch die letzte Nachhut der 3. JgKp im hellsten Sonnenlicht über den Bergkamm verschwinden.
 

Die Nachhut der 3. JgKp verschwindet hinter dem Bergkamm.
 
Fünf Stunden später hatte ich es endlich geschafft - kaum noch mit Kraftreserven, mit schmerzenden Füßen und der Geschwindigkeit einer Hochgebirgsschnecke angekommen, konnte ich endlich bei der Tragtierstaffel des JgB 26 ausrasten und mich mit den Tragtierführern - allesamt Grundwehrdiener kurz vorm Abrüsten - unterhalten. Es war interessant zu erfahren das die Halfinger am Vortag gescheitert waren, denn ein guter Teil der Versorgung bzw. der schweren Waffen hätte bis kurz vor den erste Lagerplatz verbracht werden sollen, über jene Route die meine Begleiter und mich ins Tal gebracht hatte. Aber in der Mischung aus Matsch und Eis war für die Tiere kein fester Fußhalt zu finden, und nachdem ein Pferd gestürzt war (dankbarerweise ohne bleibende Verletzungen) hatte man den Transport aufgeben.
 

Haflinger der Tragtierstaffel des JgB 26.

Auch im 21. Jahrhundert ist der Haflinger das zuverlässigste Transportmittel im Hochgebirge. Mehr dazu im Tragtier-Artikel [Link].
 
Um 14:00, etwa zwei Stunden nach unserer Ankunft bei den "26ern", begann die 3. Kompanie dann ihren Angriff auf die beiden Angriffsziele rund um den Felbertauerntunnel; um 15:00 war der Gegner (die armen OpFor-Darsteller vom internationalen Gebirgskurs) vernichtend geschlagen und aus den Objekten vertrieben. Nun, gegen die besten Leute vom JgB 25 unter dem Kommando von Kyrle und Gaiswinkler hatte ich mir auch nichts anderes erwartet (Bildserie auf Seite 02).

Bald darauf saß ich wieder im Pinzgauer auf der Bundesstraße Richtung Klagenfurt, totmüde, aber glücklich. Mein Blick fiel auf die verschneiten Gipfel der umliegenden Bergketten, und ich verstand warum es Soldaten gab, die freiwillig die enormen Anstrengungen des Gebirgskampfs auf sich nehmen - denn wenn man mal dort oben war, im weglosen Schnee und Eis, aber auch in der unendlichen Schönheit fast unberührter Natur, dann blickt man für den Rest seines Lebens mit anderen Augen dort hinauf.

Mit besten Dank an Obstlt Gaiswinkler, Manfred, Gerald, Michael, Toni und all die anderen kameradschaftlichen Begleiter aus JgB 25 und JgS, die mir "Flachland-Reporter" ermöglicht haben diesen Artikel zu schreiben. Besten Dank auch an Mjr Ertl für die persönliche Einladung - es war ein herrliches Erlebnis.
 
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