KURIER: Das Modell 6+3 löst beim Chef der Wehrdienstkommission, Erwin Hameseder, keine Begeisterung aus. Was löst es bei Ihnen aus?
Robert Brieger: Ich halte das von der Kommission vorgeschlagene Modell 8+2 für das Beste, aber muss zur Kenntnis nehmen, dass in einer Koalitionsregierung Kompromisse getroffen werden.
Ist die Entscheidung also eine rein ideologische?
Es ist der Versuch, eine Verbesserung des Status quo herbeizuführen auf Basis einer Einigung von unterschiedlichen Fraktionen, die ganz unterschiedliche Zugänge zu Wehr- und Zivildienst haben.
Was spricht so sehr für 8+2?
Es sind 10 Monate. Aufgrund des sehr komplex gewordenen Gefechtsbildes und der Anforderungen, die an den modernen Soldaten gestellt werden, ist eine längere Ausbildungszeit notwendig. Nun haben wir in Summe ein Monat weniger mit einer Systematik, die das Modell 6+3 teurer macht als 8+2. Es wird erst zu beobachten sein, ob sich das Modell bewährt.
Neu sind die Milizübungen, die was beinhalten werden müssen?
Die Milizübungen müssen einer gefechtsnahen Ausbildung entsprechen - nicht nur für den einzelnen Soldaten, sondern im Team und in der Einheit. So, dass der Kampf der verbundenen Waffen durchgeführt werden kann – und zwar vor dem Hintergrund völlig neuer Technologien. Drohnen, KI, Robotik und andere Dinge haben das Gefechtsfeld entscheidend verändert. Das hat auch eine materielle Komponente, denn die Milizangehörigen brauchen die nötige moderne Ausrüstung. Früher gab es nicht einmal die Mittel, die Miliz beweglich zu halten. Wir müssen nun ein Ausbildungssystem schaffen, das attraktiv ist und dem modernen Gefecht entspricht, denn die Bedrohungen sind manifest.
Sind denn die Ausbilder am letzten Stand der Technik?
Das ist eine Kernherausforderung! Die Ausbilder, die unmittelbar am jungen Menschen arbeiten, müssen das entsprechende Know–how haben, diese Fertigkeiten vermitteln zu können. Genau deshalb hat Bundesministerin Klaudia Tanner die Personaloffensive gestartet, denn wir haben nicht nur ein Problem bei den Rekruten, sondern auch beim Kader. Wir haben im Personal Hungerjahre hinter uns. Es ist eine Pensionsierungswelle im Gange, und es wird schwierig werden, alle Stellen mit der notwendigen Qualität auszustatten. Es dauert laut Experten bis zu 10 Jahren, bis die Defizite wieder ausgeglichen werden können.
Können diese Defizite ausgeglichen werden, indem die Rekruten nunmehr 1.000 Euro pro Monat bekommen sollen und Urlaubsanspruch?
Das ist in hohem Maße richtig und wünschenswert. Sie haben die 1.000 Euro genannt, das ist aber nur eine Komponente. Auf der anderen Seite geht es um ein gutes Betriebsklima. Der junge Soldat muss sich aufgehoben fühlen, verstehen, wozu er ausgebildet wird und Vertrauen in die Vorgesetzten haben. Das setzt eine Vorbildfunktion insbesondere der Ausbilder voraus. Das ist eine Komponente. Dazu kommen Kasernen, die, so sie Sanierungsbedarf haben, rasch modernisiert werden sollten, damit die Soldaten auch entsprechend den Ansprüchen des 21. Jahrhunderts gemäß untergebracht werden. Es geht darum, dass der junge Mensch die Sinngebung dessen, wozu ihn die Allgemeinheit durch die Wehrpflicht zwingt, nachvollziehen kann. Er soll hinterher nicht das Gefühl haben, wie es früher der Fall war, seine Zeit verschwendet zu haben.
Wie kann gewährleistet werden, dass das anekdotische Erdäpfel schälen oder Sturmgewehr putzen nicht am Ende übrigbleiben?
Das Bundesheer hatte immer schon die Herausforderung, dass die sogenannte Systemerhaltung - also Küchen, Werkstätten, Service–Dienste etc. - aus finanziellen Gründen nicht durch externes Personal gemacht werden konnte, wie das etwa in der Schweiz der Fall ist. Diese Situation kann wahrscheinlich nicht so rasch überwunden werden. Es ist nicht auszuschließen, dass Rekruten auch in Zukunft noch Systemerhaltungsfunktionen wahrnehmen müssen.
Haben Sie generell das Empfinden, dass die jungen Männer wie die Bevölkerung als Ganzes dem Wehrdienst eine andere Bedeutung beimessen als noch vor fünf oder 10 Jahren?
Spätestens seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine hat ein Umdenken stattgefunden. Ich hatte Gelegenheit von 2022 bis 2025 als Vorsitzender des Militärausschusses der EU auch alle Mitgliedsstaaten und alle Partnerarmeen zu besuchen. Es gibt Gesellschaften wie etwa im Baltikum, in Skandinavien oder in Polen, die ein wesentlich höheres Bedrohungsbewusstsein haben als wir. Vielleicht liegt das an der unmittelbaren Nachbarschaft zu kriegsführenden Ländern, aber es liegt in Österreich auch an einem Informationsdefizit. Sie wissen ja: Die geistige Landesverteidigung ist vor allem in den Bildungseinrichtungen lange Zeit unter den Tisch gekehrt worden. Hier haben wir absolut Nachholbedarf. Jetzt wurde das Problem erkannt, aber es gibt absolut Luft nach oben. Österreich hat vielleicht nicht viele Bodenschätze und ist ein kleines Land in der Mitte Europas, aber es liegt an wesentlichen Transversalen, die bei einer Bedrohung an der Ostflanke von einer strategischen Bedeutung sind.
Die Bedrohung der Ostflanke hieße für Österreich konkret?
In so einem konkreten Anlassfall kommt dem Schutz kritischer Infrastruktur entscheidende Bedeutung zu. Das heißt, wir werden dann ein Ziel sein, ein sogenanntes Target für einen Aggressor, der verhindern will, dass Verstärkungen der NATO oder der EU nach Südosten und nach Osten entsprechend transportiert werden. Diese Aufgabe kann nur durch eine Raumschutzoperation gelöst werden und durch bestens ausgebildete Soldaten. Eben diese Notwendigkeit muss man auch gesellschaftlich kommunizieren.
Wer soll das kommunizieren außer Militärs, wenn Bildungseinrichtungen es verabsäumt haben?
Es beginnt bei den Familien, denn da schließt sich auch der Kreis zur Ausbildung beim Bundesheer. Wenn die junge Frau oder der junge Mann nach Hause kommt und sagt, sie oder er hat etwas Sinnvolles gelernt, das interessant und herausfordernd ist, dann wird das auch in Familien eine entsprechende Wirkung haben. Jeder, der bei uns Dienst versieht, ist ein Multiplikator. Auf der anderen Seite gibt es die Anforderung an die Bildungseinrichtungen, die Aufgaben der geistigen Landesverteidigung ernst zu nehmen und sie in die Lehre aufzunehmen. Ich weiß, dass es Budget–Notwendigkeiten für andere Politikfelder gibt, die genauso wichtig sind wie Bildung oder Pflege, aber die Sicherheit ist die Basis, auf der all diese Politikfelder ankern, und dessen müssen wir uns bewusst werden.