GESCHÜTZT UNTERWEGS -
gepanzerte Fahrzeuge für Auslandseinsätze

Geschüzte Fahrzeuge des Bundesheeres in Afghanistan 2005. Vorne ein gehärteter, d.h. nur leicht gepanzerter Puch G. Dahinter ein Patrouillen- und Sicherungs-
fahrzeug Dingo 2. Die Dingos wurden so dringend erwartet, dass die ersten Fahrzeuge buchstäblich von der Fabrik in den Einsatz rollten.
© Bundesheer


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Rund 1.300 Soldaten des Österreichischen Bundesheeres befinden sich derzeit (Oktober 2008) in friedenssichernden Einsätzen im Ausland. Auch wenn die Lage derzeit - auch Dank des österreichischen Engagements - in den Operationsgebieten weitgehend stabil ist, sind die Einsatzkräfte in Auslandseinsätzen immer einer Reihe von Gefahren ausgesetzt und der bestmögliche Schutz unserer Soldaten sollte eine Selbstverständlichkeit sein.

Einsätze des Bundesheeres sind im Rahmen der Europäischen Union laut Artikel 23f Bundesverfassungsgesetz (B-VG) im gesamten Bereich der Petersberg-Aufgaben möglich: humanitäre Aufgaben und Rettungseinsätze, friedenserhaltende Aufgaben sowie Kampfeinsätze bei der Krisenbewältigung - einschließlich friedensschaffender Maßnahmen.
Bei den bislang im Vordergrund stehenden humanitären und friedenserhaltenden Aufgaben sind Minen und Blindgänger (z.B. Submunition von Cluster-Bomben) vergangener Konflikte als größte Gefahrenquellen zu bezeichnen. Tatsächlich hat Österreich auch bereits Minenopfer zu beklagen - z.B. 1974 am Golan. Im Rahmen von friedenserhaltenden Einsätzen ist jedoch auch die Möglichkeit von direktem Beschuss oder die Bedrohung durch behelfsmäßige Sprengkörper (Improvised Explosive Devices, IED) durchaus real. Auch der Einsatz von ABC Kampfmittel gegen österreichische Soldaten ist grundsätzlich denkbar, bzw. erfordert auch der Einsatz von Nebel- oder Tränengas Schutzmaßnahmen.
 

25. Juni 1974 - ein Landrover des österreichischen UNDOF Kontingents am Golan fährt auf eine Mine auf - 4 Tote. Dieser Gedenkstein erinnert an die Opfer.

 
Besonders exponiert sind die Soldaten unterwegs und leicht gerät man in einen Hinterhalt. Geschützte Fahrzeuge sind deshalb eine Schlüsselausrüstung. Seit der Einführung des Radpanzers Pandur 6x6 und des Allschutz-Transportfahrzeugs Dingo 2 stehen unterhalb von Kampf- oder Schützenpanzern geschützte Fahrzeuge für friedensschaffende Operationen zur Verfügung. Sie sind günstiger in Anschaffung und Betrieb, besser für ausgedehnte Patrouillen geeignet und leichter in den Einsatzraum zu transportieren. Zudem wirken sie weniger bedrohlich auf die Zivilbevölkerung.
Doch selbst gemessen an den heutigen Anforderungen ist die Anzahl dieser Fahrzeuge beim Bundesheer längst nicht ausreichend und mit den steigenden Anforderungen der Zukunft bei weitem nicht vereinbar. Noch immer werden in Auslandeinsätzen regelmäßig ungeschützte Fahrzeuge wie der Puch G oder der Pinzgauer eingesetzt.
Aus diesem Grund wurde vom Verteidigungsministerium 2008 die Einführung von zwei Klassen geschützter Fahrzeuge eingeleitet: 145 Allschutz-Transportfahrzeuge zur Ergänzung der bereits eingeführten Dingo 2 und 150 geschützte Mehrzweckfahrzeuge in der 7-8,5t Klasse. Laut Darstellung von Minister Darabos im Landesverteidigungs-ausschuss waren dafür etwa 240 Mio. € vorgesehen. Die Klasse der geschützten Mehrzweckfahrzeuge konnte das Iveco LMV für sich entscheiden. Der Kaufpreis betrug 104 Mio. €.

Folgende Typen gelten/galten als Referenzfahrzeuge und auch als Favoriten für die beiden Ausschreibungen:
 

Allschutz-Transportfahrzeuge
145 Stück + 75 als Option
ATF Dingo 2
Dingo 2 - © Doppeladler.com

ATF Dingo 2 (Allschutz-Transportfahrzeug) der Krauss-Maffei Wegmann GmbH & Co KG (D), Koproduktion durch EMPL Fahrzeugwerk GmbH (A) - Das Bundesheer hat bereits 35 Fahrzeuge in 3 Versionen bestellt. Teilweise befinden sich die Fahrzeuge bereits im Einsatz. Darüber hinaus basiert der Dingo 2 auf einem UNIMOG U-5000 Fahrgestell, welches in sehr ähnlicher Bauart (U-4000) ebenfalls bereits beim Bundesheer eingesetzt wird. Da die Vereinfachung von Logistik und Ausbildung ein wichtiger Beurteilungsgegenstand ist, ist der Dingo als Favorit bei den Allschutz-Transportfahrzeugen anzusehen.

Höchstzulässiges Gesamtgewicht: 11,9 t / Max. Nutzlast: 2,6 t
Triebwerk: Mercedes-Benz OM 924 LA Euro 3 Turbodiesel; 218 PS (160 KW) bei 2.200 U/min; 810 Nm von 1.200 bis 1.600 U/min.
Höchstgeschwindigkeit: 90 km/h / Reichweite: max. 1.000 km auf Straßen
Steigfähigkeit: 70% / Watfähigkeit: 1,2 m
Besatzung: 2+4 bis 2+6

 
PMV Survivor II
Survivor II - © Achleitner

PMV Survivor II (Protected Mission Vehicle) der Achleitner GmbH (A) - Der Survivor II basiert auf einer seriennaher MAN Plattform und gilt somit das einzige rein österreichische Fahrzeug im Bewerb. Der hohe Wertschöpfungsanteil im Inland ist bei Vergaben, bei denen das letzte Wort bei einem Politiker liegt, ein Vorteil. Das Fahrzeug wurde international erst im Juni 2008 bei der Eurosatory Militärmesse vorgestellt.

Höchstzulässiges Gesamtgewicht: 14 t / Nutzlast: bis 3,8 t
Triebwerk: MAN - D0836LFL54 mit 280 PS (206 KW) und 1.100 Nm Höchstgeschwindigkeit: 100km/h /
Reichweite: 1.000 km
Steigfähigkeit: 60% / Schrägfahrt: 35% / Watttiefe: 1,1 m
Besatzung: 1+4 bis 1+8 möglich

 
RG-31 Mk5E
RG-31 Mk5E - © BAE Systems

RG-31 Mk5E, angeboten von Steyr-Daimler-Puch Spezialfahrzeug GmbH (General Dynamics European Land Systems) - Der RG-31 Mk5E basiert auf den bewährten RG-31 Nyala von BAE Land Systems OMC aus Südafrika. In Südafrika haben minengeschützte Fahrzeuge eine lange Tradition, weshalb auch die US Army und das USMC auf diese Fahrzeugserie setzen. Das Bundesheer setzte Nyalas der UN bereits auf den Golanhöhen ein (bereits ausgeschieden! - s.u.).

Höchstzulässiges Gesamtgewicht: 14,2 t / Nutzlast bis 3,7 t
Triebwerk: Cummins QSB 6.7 L/409CI mit 275 PS (202 KW) bei 2.500 U/min und 840 Nm bei 2.200 U/min
Höchstgeschwindigkeit: 110 km/h / Reichweite: 800 km
Steigfähigkeit: 60 % / Schrägfahrt 30 % / Watttiefe 0,9 m
Besatzung: 2+6 oder 2+8

 
Geschützte Mehrzweckfahrzeuge
150 Stück
Iveco LMV
LMV Lince - © Iveco
Der Gewinner! - LMV Lince (Light Multirole Vehicle) von Iveco (It), Koproduktion durch EMPL Fahrzeugwerk GmbH (A). Das LMV wurde von Iveco für die italienischen Streitkräfte entwickelt und erweist sich in Europa als Bestseller. Neben Italien haben bereits Großbritannien, Belgien, Norwegen, Spanien, Kroatien und die Tschechische Republik das Fahrzeug beschafft. Es ist auch als Rheinmetall "Caracal" (D) und BAE Systems Land Systems "Panther" (UK) bekannt. Der LMV wurde von der Vergabekommission des Bundesheeres an erste Stelle gereiht und gewann die Ausschreibung. Am 13.01.2009 gab das Verteidigungsministerium die Beschaffung von 150 Fahrzeugen um 104 Mio. Euro bekannt.

Einsatzgewicht: 6,5 t (Level 3 Panzerung) / Nutzlast: 1,2t (Level 3 Panzerung)
Triebwerk: IVECO F1D Common Rail EURO 3 mit 185 PS (136 kW),
Höchstgeschwindigkeit: 130km/h / Reichweite 500+km
Wattiefe: 0,7 m (1,2 m mit Vorbereitung)
Besatzung: 1+4 bis 1+6 (Langversion)

Unser Beitrag zum Iveco LMV
 
MOWAG Eagle IV
Eale IV - © Doppeladler.com

Eagle IV von MOWAG (CH) - Die Steyr-Daimler-Puch Spezialfahrzeug GmbH bietet dem Bundesheer das Fahrzeug Eagle IV der Schweizer Schwester MOWAG an - beide Unternehmen gehören zum General Dynamics European Land Systems an (bereits ausgeschieden! - s.u.).

Einsatzgewicht: 6,3 t (Höchstzul. Gesamtgewicht: 8,5 t) / Nutzlast: 2,2 t
Triebwerk: Cummins ISBe 5.9L Turbo Common Rail Diesel, 6 Zylinder, 245 PS (184 KW) EURO III, 750 Nm
Höchstgeschwindigkeit: 110 km/h / Reichweite: 650 km
Besatzung: 1+4


Beschaffung zusätzlicher Radpanzer
Mit Durchführung der beiden oben beschriebenen (für das Verteidigungsministerium) prioritären Beschaffungsvorhaben alleine ist der Bedarf an gepanzerten Radfahrzeugen des Bundesheeres längst nicht gedeckt. Unter anderem ist immer noch die Beschaffung weiterer Radpanzer ausständig, bei der mit hoher Wahrscheinlichkeit die Steyr-Daimler-Puch Spezialfahrzeug GmbH zum Zug kommen würde.
Im Mech-Paket aus 1996 war die Beschaffung von 224 Mannschaftstransportpanzer MTPz Pandur und 45 Aufklärungspanzer AuklPz Pandur (mit 30mm Turm SP-30 des SPz Ulan) vorgesehen, doch nur 68 MTPz wurden beschafft. Laut Generalstabschef Edmund Entacher ist die Beschaffung weiterer Radpanzer "keineswegs aufgegeben". Im Gespräch sind derzeit 60 Fahrzeuge Pandur II 6x6 für den Mannschaftstransport mit einer Waffenstation für ein 12,7mm Maschinengewehr. Entsprechende Budgetmittel sind aber nach wie vor nicht vorhanden.
Bei der Truppe gibt es viele Stimmen, die das Geld für weitere Allschutz-Transportfahrzeuge bevorzugt in Radpanzer investieren würden. Der Pandur II kann auf Wunsch das gleiche Minenschutzniveau erreichen wie die oben beschriebenen Allschutz- Transportfahrzeuge.
 

Die Bechaffung weiterer Radpanzer ist ein wichtiges Projekt, aber aufgrund von Budgetknappheit derzeit nicht durchzuführen. Rechts das derzeit favorisierte Fahrzeug in entsprechender Konfiguration: ein Pandur II 6x6 mit einem 12,7mm MG in der Waffenstation Kongsberg Protector RCWS 12,7.
© Steyr SSF
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Standardisierte Schutzklassen
Um Schutzklassen für die Insassen von gepanzerten Fahrzeugen vergleichbar zu machen hat die NATO die AEP-55 STANAG 4569 ("Standardization Agreement") eingeführt:

Kinetische Energie /
ballistischer Schutz
Granaten- und Minenschutz
Artilleriegranate
155 mm Sprenggranate
Level 1 -) 7,62 x 51 mm NATO Ball (Ball M80) aus 30 Metern mit 833 m/s
-) 5,56 x 45 mm NATO aus 30m mit 937 m/s
Handgranaten, nicht explodierte Submunition von Clusterbomben, Personenminen unter dem Fahrzeug Einschlag in
100 m Umkreis
Level 2 -) 7,62 x 39 mm API BZ aus 30 Metern mit
695 m/s, Stahlkern
Panzermine 6 kg TNT-Äquivalent (Blast)
Level 2a - Minenexplosion unter Rad oder Kette
Level 2b - Minenexplosion unter Wanne/Chassis
Einschlag in 80 m Umkreis
Level 3 -) 7,62 x 51 mm AP (WC core) aus 30 Metern mit 930 m/s
-) 7,62 x 54 mm R B32 API (Dragunov) mit
854 m/s
Level 3+: 12,7 x 99 mm M2 AP aus 30 m mit
914 m/s
Panzermine 8 kg TNT-Äquivalent (Blast)
Level 3a - Minenexplosion unter Rad oder Kette
Level 3b - Minenexplosion unter Wanne/Chassis
Einschlag in 60 m Umkreis
Level 4 -) 14,5x114 mm AP / B32 aus 200 Metern mit 911 m/s Panzermine 10 kg TNT-Äquivalent (Blast)
Level 4a - Minenexplosion unter Rad oder Kette
Level 4b - Minenexplosion unter Wanne/Chassis
Einschlag in 30 m Umkreis
Level 5 -) 25 mm APDS-T (M791) oder TLB 073 aus 500 Metern mit
1.258 m/s
  Einschlag in 25 m Umkreis

Einige Beispiele:
Dingo 2 - ballistisch 2+, Minenschutz 3b (optional Schutz gegen projektilbildende Minen)
PMV Survivor II - ballistisch 1 (bis 3), Minenschutz 1 (bis 3b)
RG-31 Mk5E - ballistisch 2, Minenschutz 2b (jedoch mehr unter Rad)
Eagle IV - ballistisch 2 (bis 3), Minenschutz 2a (bis 3a)
Iveco LMV - ballistisch 1 (bis 4), Minen 2a
Pandur II (laut Janes) - ballistisch bis 4, Minenschutz bis 3a
Doch Vorsicht - die Prüfverfahren sind nicht genormt und die Hersteller geben oft selbst keine Klassifizierung an!
Grundsätzlich gilt: je höher die vom Kunden geforderte Schutzklasse, desto mehr leidet die Beweglichkeit/Geländetauglichkeit und verkützt sich die Lebensdauer des Fahrzeugs aufgrund der Gewichtsbelastung. Auch die Nutzlast nimmt ab.
Laut Informationen des BMLV aus dem Jahr 2004 war man damals übrigens mit einem Minenschutz vom Level 3 gegen 86% der Bedrohung durch Minen geschützt.
 
Iveco LMV Lince der italienischen Armee in nach einem IED Treffer. Das Fahrzeug ist zerstört, die Insassen nur leicht verletzt - aufgrund der Erschütterung.
© Esercito Italiano
Iveco LMV
 
Diskussion und aktuelle News zu den beiden Ausschriebungen "Allschutz-Transportfahrzeug" und "geschütztes Mehrzweckfahrzeug" finden Sie hier.
 
Wichtige Updates:

27.02.2010: Laut Nachrichtenmagazin "Profil" ist es bei der im Mai 2009 gestoppten Anschaffung von 145 Allschutz-Transportfahrzeugen zu Unregelmäßigkeiten bei der Auftragsvergabe gekommen sein. Es besteht der Verdacht, dass der Dingo 2 bevorzugt worden sei (daher hätte dieser wohl den Zuschlag bekommen). Eine interne Kommission und die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Bewertungs-kommission.

04.05.2009: Der ORF berichtet, dass die Anschaffung der Allschutz-Transportfahrzeuge laut Minister Darabos aus budgetären Gründen aufgeschoben wird.

17.01.2009: Das Verteidigungsministerium gibt den Gewinner in der Kategorie der geschützten Mehrzweckfahrzeuge bekannt: Beschafft werden 150 Iveco LMV Lince um 104 Mio. Euro. 51% der Wertschöpfung entsteht in Österreich. Artikel über den LMV hier.

17.10.2008: Laut Kurier wurde von der Vergabekommission des Bundesheeres der Iveco LMV Lince an die erste Stelle bei den geschützten Fahrzeugen gereiht. Die Entscheidung des Ministeriums wird in den nächsten Wochen erwartet.

13.10.2008: Die Steyr-Daimler-Puch Spezialfahrzeug GmbH beklagt in einer Aussendung, dass man es bei beiden Beschaffungsvorhaben für geschützte Fahrzeuge nicht in die engere Auswahl geschafft habe. Der RG-31 und der Eagle IV dürften daher aus dem Rennen sein.

Dieser Artikel ist auch in "Der Offizier", der Zeitung der Österreichischen Offiziersgesellschaft, Ausgabe 1/2009, erschienen.

 
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