Das ukrainische Militär hat eine öffentliche Einschätzung zur Funktionsweise und Effektivität der 9M729 Oretschnik abgegeben. Analysiert wurden insbesondere Trümmer, die nach den Einschlägen bei Bila Zerkwa am 24.05. und in Lwiw im Winter entdeckt worden waren. Demnach handelt es sich bei der Oretschnik ("Haselstrauch") um eine Variante der RS-26 Rubesch ("Grenze"). Die interne russische Bezeichnung ist Kedr ("Zeder"), die NATO-Identifikation lautet SS-X-34.
Den Angaben zufolge trägt die Rakete 36 Submunitionen mit einem Gewicht von jeweils ungefähr 50 kg. In Bila Zerkwa und Lwiw waren diese als kinetische Penetratoren ausgelegt. Diese Penetratoren bestanden erstaunlicherweise nicht aus hochfesten Legierungen wie z.B. Wolfram oder abgereichertem Uran, sondern aus ordinärem Gusseisen.
Das relativ weiche Material minderte die (trotz der hohen Geschwindigkeit von etwa 3.400 m/s theoretisch mögliche) Wirkung. Ein Penetrator durchschlug in einem Gebäude das Dach und fünf Etagen, bevor er im Boden der ersten Etage steckenblieb, wobei er ein 50 cm-Loch verursachte. Ein anderer hinterließ an einer Straße einen 60 cm tiefen und 2 m breiten Krater.
Nach Experteneinschätzung trägt die Rakete eine Nutzlast zwischen 1.250 und 3.000 kg über Entfernungen um 4.100 km.
Untypisch für moderne ballistische Raketen mit Mehrfachgefechtsköpfen, sind die einzelnen MIRVs ungelenkt und bewegen sich nach der Trennung von der Rakete auf einer rein ballistischen Flugbahn. Sie geben ihre Submunitionen jedoch in niedriger Höhe ab, sodass die Streukreisradien klein bleiben. In Bila Zerkwa trafen alle 36 Penetratoren eine Fläche von drei Garagen.
Ebenfalls ungewöhnlich ist, dass die in Lwiw niedergegangene Oretschnik keine westlichen oder chinesischen Komponenten beinhaltete, auf die Russland normalerweise zurückgreift. Es handelt sich offenbar um eine reine Evolution einer sowjetischen Rakete. Die Einzelteile der Steuerungselektronik waren zwischen 2014 und 2016 hergestellt worden.
Der Experte hält die Waffe in ihrer konventionellen Konfiguration für ein reines Propagandainstrument, betont jedoch, dass die Oretschnik als Nuklearwaffenträger hochgefährlich sei. Demnach würde die nuklear bestückte Oretschnik 36 10-Kilotonnen-Sprengköpfe tragen und so ausstoßen, dass sie in 5 km Höhe explodieren. Eine Stadt von der Größe Kyjiws oder Charkiws könne mit einer einzigen Rakete vernichtet werden.
(Quelle)
