Bundeswehr: Haenel MK556 folgt auf Heckler & Koch G36

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muck
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Bundeswehr: Haenel MK556 folgt auf Heckler & Koch G36

Beitrag von muck »

Die künftige Standardwaffe der deutschen Streitkräfte soll aus Suhl in Thüringen kommen. Das Verteidigungsministerium teilte den Verteidigungsexperten im Bundestag mit, dass die Firma C.G. Haenel als Lieferant für das neue System Sturmgewehr als Nachfolger des G36 von Heckler&Koch ausgewählt wurde, berichtete die Deutsche Presse-Agentur. Eine offizielle Bestätigung des Ministeriums gab es zunächst nicht.

Die Bundeswehr hatte 2017 den Auftrag für ein neues System Sturmgewehr mit bis zu 120.000 Waffen ausgeschrieben, nachdem die frühere Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen nach Berichten über heißgeschossene und verzogene Gewehre des Typs G36 die Suche nach einem Nachfolgemodell angeordnet hatte.

Das Thüringer Unternehmen habe in dem 2017 eingeleiteten Bieterverfahren eine Waffe vorgelegt, die sich in umfangreichen Tests als etwas besser auf die Anforderungen des Militärs zugeschnitten und auch als wirtschaftlich vorteilhaft erwiesen hat, wie die dpa aus Militärkreisen erfuhr.
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muck
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Re: Bundeswehr: Haenel MK556 folgt auf Heckler & Koch G36

Beitrag von muck »

Um es erwähnt zu haben: Das deutsche Verteidigungsministerium hat einer Rüge von Haenels Mitbewerber Heckler&Koch stattgegeben, das Beschaffungsvorhaben in den Stand vor der Zuschlagserteilung zurückzuversetzen. H&K wirft Haenel vor, seine Patente verletzt zu haben.

theoderich
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Re: Bundeswehr: Haenel MK556 folgt auf Heckler & Koch G36

Beitrag von theoderich »

Hatte Heckler & Koch doch das bessere Gewehr angeboten? Neue Ungereimtheiten beim Sturmgewehr-Auftrag
Im Zusammenhang mit dem geplanten Kauf von 120.000 neuen Sturmgewehren für die Bundeswehr gibt es nach Recherchen von Business Insider neue Unregelmäßigkeiten.

So hatte das Verteidigungsministerium von Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) bisher behauptet, dass die angebotenen Waffen der kleinen Firma C.G. Haenel und des bisherigen Haus-und-Hoflieferanten Heckler & Koch technisch vergleichbar gewesen seien. Dass am Ende das Thüringer Unternehmen C.G. Haenel den Zuschlag erhielt, lag demnach offenbar am Preis: Wie Business Insider bereits berichtet hat, war das Angebot von C.G. Haenel (152 Millionen Euro) rund 27 Millionen preiswerter als das von Heckler & Koch.

HK 416 offenbar treffsicherer gewesen

Doch waren die Waffen wirklich gleich? Der bislang vertrauliche Abschlussbericht über die bundeswehr-internen Waffentests lässt Zweifel an der offiziellen Version aufkommen. 18 Monate lang hatten Techniker der Wehrtechnischen Dienststelle 91 in Meppen die Gewehre ab April 2018 auf Herz und Nieren überprüft. C.G. Haenel hatte das sogenannte MK 556 angeboten, Heckler & Koch das HK 416 und das HK 433.

Fielen zunächst alle drei Waffen durch, erfüllten die drei Gewehre im Anschluss an Nachbesserungen durch die Hersteller alle Forderungen der Leistungsbeschreibung. Aber: Laut des Abschlussberichts war das HK 416 dennoch treffsicherer als das MK 556. So liegen nicht nur bei der Grundpräzision die Trefferbild-Werte des HK 416 über dem des MK 556. Auch bei Schussabgaben unter heißen oder kalten Bedingungen lag das Modell von Heckler & Koch bei der mittleren Trefferwahrscheinlichkeit vorn.

Weiterer Pluspunkt: Das HK 416 war laut Prüfer weniger störanfällig. So gab es bei der Abgabe von 10.000 Schuss keine Fehlfunktion. Beim MK 556 hingegeben gab die Waffe bei der Einstellung Dauerfeuer wiederholt plötzlich nur Einzelfeuer ab. Dazu brachen Bauteile in der Waffe und mussten ausgetauscht werden.

„Insgesamt ist festzuhalten“, schreiben die Prüfer im Bericht zur Waffe von C.G. Haenel, „dass die Waffen der Firma Haenel noch Verbesserungspotential bei einzelnen Bauteilen aufweisen“. Den Eindruck hätten die Prüfer bereits bei der nicht nachgebesserten Waffe gehabt.

Doch in die offizielle Wertung flossen diese Beanstandungen aufgrund der Vorgaben für die Tests nicht ein. Außen vor blieben zudem Beobachtungen der Prüfer, wonach beim MK 556 „einzelne Waffen Prellschläge im Abzug verursachen“. Das würde ein Schütze bei der Schussabgabezwar merken, aber nicht „in relevantem Maße“ beeinflussen“, heißt es im Bericht weiter. Daher sei das nicht in die Wertung eingeflossen. Aber, so mahnen die Prüfer am Ende des 118-seitigen Berichts: „Dennoch sollte dieses Verhalten, sollte die Waffe ausgewählt werden, abgestellt werden.“
Dazu passt: Nach Informationen von Business Insider soll das Beschaffungsamt der Bundeswehr in Koblenz nach der letzten Angebotsabgabe beider Firmen im August dieses Jahres und einer Zusage von Heckler & Koch, die Wartungsintervalle für Mündungsdämpfer zu verändern, zunächst Heckler & Koch als Sieger der Ausschreibung gesehen haben.

Doch dann gab es offenbar weitere Nachfragen zu den sogenannten Stanag-Schienen. Das sind NATO-weit genormte Montageschienen für Zubehör von Handfeuerwaffen. Laut Verteidigungsministerium habe es hierbei keine vergleichbaren Angebote gegeben, „auch, weil möglicherweise die Vergabeunterlagen des BAAINBw Missverständnisse hervorgerufen hatten“. Nachdem beide Firmen ihre Angebote konkretisieren durften, soll nach Informationen von Business Insider plötzlich C.G. Haenel vor Heckler & Koch gelegen haben. Die Gründe dafür sind aber bislang unbekannt.

Aufklären will das Verteidigungsministerium hierzu nicht. Auf Anfrage von Business Insider will man unter Verweis auf ein laufendes Vergabeverfahren keine Stellung nehmen.
https://www.businessinsider.de/politik/ ... r-auftrag/

muck
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Re: Bundeswehr: Haenel MK556 folgt auf Heckler & Koch G36

Beitrag von muck »

Seltsamer Artikel, der sich aber meiner Ansicht nach in ein System fügt. Seit Wochen wird in Deutschland gegen die "arabische" Firma Haenel agitiert, und auch dass man sich in Suhl rühmt, das erste Sturmgewehr der Geschichte hervorgebracht zu haben – das "Nazi"-Sturmgewehr 44 – hat mancher Journalist übel aufgenommen.

Was natürlich dahingehend amüsant ist, dass Heckler&Koch, neuerdings der Liebling in den Redaktionsstuben, bis vor wenigen Monaten den deutschen Medien noch als Inbegriff des moralisch verwerflichen Kriegsgewinnlers galt.

Es geht nicht darum, ob das HK416 einige Prozentpunkte treffsicherer war. Es geht lediglich darum, welches Angebot die Kriterien erfüllt, und dies zu einem günstigeren Preis.

H&K mag die Anforderungen übererfüllt haben. Die Frage ist indes, ob das angesichts des Pflichtenheftes überhaupt eine Rolle spielt. Immerhin hat H&K selbst vor einem Jahr die Anforderungen noch als unrealistisch streng kritisiert.

oldcrow
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Re: Bundeswehr: Haenel MK556 folgt auf Heckler & Koch G36

Beitrag von oldcrow »

Naja, wenn das G36 von UvL dafür gescholten wurde, daß es angeblich nicht genau genug schießen würde und nun ein bestmöglicher Ersatz beschafft werden sollte, erschiene es mir doch wie ein Treppenwitz, daß nun, um vielleicht H&K zu verhindern, ausgerechnet das weniger genau schießende Gewehr ausgewählt werden würde.

cliffhanger
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Re: Bundeswehr: Haenel MK556 folgt auf Heckler & Koch G36

Beitrag von cliffhanger »

oldcrow hat geschrieben:
Do 29. Okt 2020, 23:03
Naja, wenn das G36 von UvL dafür gescholten wurde, daß es angeblich nicht genau genug schießen würde und nun ein bestmöglicher Ersatz beschafft werden sollte, erschiene es mir doch wie ein Treppenwitz, daß nun, um vielleicht H&K zu verhindern, ausgerechnet das weniger genau schießende Gewehr ausgewählt werden würde.
Klingt irgendwie nach einer österreichischen Lösung ... :-) :-) :-)

muck
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Re: Bundeswehr: Haenel MK556 folgt auf Heckler & Koch G36

Beitrag von muck »

Frühe Produktionschargen des G36 litten an einer Trefferpunktverschiebung bei 1. langem Dauerfeuer oder häufigen Feuerstößen, die sich 2. unter den klimatischen Bedingungen Afghanistans (insb. große Tag-Nacht-Temperaturamplitude) permanent manifestieren konnte.

Die Wahrheit ist natürlich, dass kein Maschinenkarabiner, wie die richtige Bezeichnung wohl wäre, dafür gedacht ist, Sperrfeuer zu schießen.

Dass das G36 den klimatischen Anforderungen Zentralasiens nicht genügte, durfte niemanden verwundern, immerhin war die Waffe noch vor dem Hintergrund eines Kalter Krieg-Szenarios geordert worden: Masseneinsatz von Wehrpflichtigen in der Norddeutschen Tiefebene.

Und zwar im klassischen Gefecht der verbundenen Waffen, also mit genügend Feuerunterstützung, dass der einzelne Schütze gar nicht ins Gewicht fällt.

Stattdessen trug die Waffe in Afghanistan oft die Hauptlast der Kämpfe.

Heckler& Koch konnte tatsächlich gerichtlich den Nachweis erbringen, dass das Produkt dem offiziellen Lastenheft voll und ganz genügte.

Dass diese Angelegenheit von der fachunkundigen Presse überhaupt so breitgetreten wurde, lag in meinen Augen daran, dass ein Teil der Medien die erste Verteidigungsministerin zur Macherin hochstilisieren wollte, der andere Teil sie hingegen eben deswegen scheitern sehen wollte.

Das HK416 und das MK556 mussten jedoch derart strengen Anforderungen genügen, dass H&K das Auswahlverfahren noch vor kaum anderthalb Jahren als unrealistisch streng kritisierte.

Deswegen ist es lächerlich, wenn sich das Unternehmen und seine wie aus dem Nichts materialisierten Unterstützer in den Medien plötzlich darauf einschießen, das HK416 weise eine um 7% höhere Treffgenauigkeit auf.

7% von was?

Wenn ich einen Sportwagen kaufen will, der wenigstens 300 Stundenkilometer schafft, was schon verflixt viel ist, und Modell A ist 320 kmh schnell, Modell B jedoch 340 kmh, beträgt die Differenz auch ungefähr 7%.

Dieses Beispiel sollte zeigen, worüber wir hier reden, jedenfalls ausweislich der Auswahlkritierien: eine Übererfüllung bereits überstrenger Kriterien.

Wenn nun Modell A um Welten günstiger zu haben ist, nehme ich natürlich dieses. Insbesondere, wenn "ich" eine Behörde bin, die dem Steuerzahler Rechenschaft über ihre Mittelverwendung ablegen muss und gar nicht anders kann, als dem billigsten hinreichenden Angebot den Zuschlag zu erteilen.

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