Junge Männer, die heute als Rekruten einrücken, könnten die ersten in der Geschichte des Bundesheeres sein, die Österreich tatsächlich mit der Waffe verteidigen müssen. Eine Volksbefragung soll nun entscheiden, ob dafür sechs Monate Wehrdienst reichen. Wie geht es den jungen Rekruten damit?
Von Gernot Bauer und Nina Brnada
Mitarbeit: Max Miller
Burgenland, Kaisersteinbruch. Der Pfad führt in den Nebel und ins militärische Sperrgebiet. Am Ende der unbefestigten Straße wartet das Angerdorf, ein Truppenübungsplatz, eine Art Kriegskulisse. Zwischen Schuppen, Verschlägen und mehrstöckigen Rohbauten üben an diesem Mittwoch insgesamt 128 Rekruten und 30 Ausbildner des Bundesheeres Häuserkampf und Geiselbefreiung. Durch die diesige Jännerluft wabert der Geruch von gekochten Erdäpfeln und Gulasch. Die Rekruten und auch ein paar Rekrutinnen laden Portionen auf das Metallgeschirr und tragen die Nachspeise (Kit Kat und Corny-Riegel) in ihren Helmen davon. Kälte und Anstrengung schweißen zusammen.
Das militärische Manöver hat etwas von Uniform-Ballett – in der Weise, wie diese jungen Menschen mit dem Sturmgewehr 77 durch den Wald schleichen, möglichst lautlos, möglichst geschmeidig, möglichst ruhig und gerade. Standardsituationen werden eingeübt. „Da oben ist der Feind und ihr seid hier völlig ungeschützt“, sagt ein Ausbildner zu vier Rekruten, die auf dem Boden liegen und sich bereits am Ziel wähnen. „Wenn ihr da seid, seid ihr ganz schnell weg – noch einmal zurück.“ Hier wird nicht scharf geschossen, hier gibt es an den Übungsgebäuden auch keine Einschusslöcher, hier weiß auch niemand, was Krieg wirklich bedeutet. Es geht dennoch darum, Abläufe einzuüben, die man im Ernstfall abrufen kann. Aber ob das reicht?
Etwa 15.000 junge Männer rücken jährlich zum Bundesheer ein – für sechs Monate, dann ist ihr Leben als Soldat auch schon wieder vorüber. Geht es nach den Reformplänen der Wehrdienstkommission, sollen in Zukunft alle Rekruten acht Monate dienen und bis zum 30. Geburtstag Truppenübungen im Ausmaß von zwei Monaten absolvieren.
Im Juni 2025 hatte Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP) die Kommission eingesetzt. Vergangenen Dienstag legte diese ihren Bericht und ihr präferiertes Modell („Österreich PLUS“) vor – mit einer Mahnung: Der Verzicht auf eine Verlängerung des Grundwehrdienstes gefährde die Verteidigungsfähigkeit Österreichs und die Sicherheit der Grundwehrdiener. Die Warnung hat einen ernsten Hintergrund: Die Jahrgänge, die derzeit einrücken, könnten die ersten in der Geschichte des Bundesheeres sein, die ihr „Vaterland, die Republik Österreich und sein Volk schützen und mit der Waffe verteidigen“ müssen, wie sie es bei der Angelobung schwören. Reichen sechs Monate Grundwehrdienst ohne Truppenübungen für ihre Ausbildung?
- Mit sechs Monaten ist eine komplette Ausbildung nicht möglich.
Oberst Jörg Loidolt
Zwei von drei Regierungsparteien reagierten auf den Bericht der Wehrdienstkommission mit einer an Ablehnung grenzenden Zurückhaltung. Im Neos-Klub gibt es starke Kräfte gegen die Verlängerung. Und auch am linken Rand der SPÖ herrscht Skepsis. Die Verlängerung des Wehrdienstes sei im Regierungsprogramm nicht vorgesehen, teilten Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ) und Neos-Klubobmann Yannick Shetty der Öffentlichkeit mit. Verteidigungsministerin Klaudia Tanner definierte den Bericht als „Startschuss für den Diskussionsprozess“.
Diese Diskussion könnte schon sehr bald beginnen. In der Volkspartei hat ÖVP-Obmann und Bundeskanzler Christian Stocker am Freitag ein Machtwort gesprochen: „Wir müssen handeln, bevor andere für uns entscheiden“, ließ die Volkspartei in einem Video durch die Wiener MetaStadt dröhnen, bevor der Kanzler die Bühne betrat. Neben der alten Werkshalle direkt neben der S-Bahnstrecke in Wien tönen Güterzüge, die Halle selbst ist kaum beheizbar. Wer kein dickes Sakko trägt, lässt Jacke an oder hängt sich einen Schal um. Christian Stocker will handeln, aber nicht selbst entscheiden: Über eine mögliche Verlängerung der Wehrpflicht sollen die Österreicherinnen und Österreicher entscheiden. Es wird eine Volksbefragung geben.
Bisher jedenfalls war auch die Volkspartei noch uneins. Landwirtschaft und Wirtschaft wollen ihre jungen Mitarbeiter höchst ungern für regelmäßige Bundesheerübungen abstellen. Vor allem der frühere Präsident von Wirtschaftskammer und ÖVP-Wirtschaftsbund, Harald Mahrer, soll hartnäckig Widerstand geleistet haben. Seit dessen Rücktritt im November vergangenen Jahres verhält sich die Wirtschaft, wie ÖVP-intern zu hören ist, weniger renitent. Und auch die Landwirtschaftsvertreter werde man noch überzeugen, so die Hoffnung im Lager der schwarzen Befürworter der Wehrdienstverlängerung. Klaudia Tanner könnte dabei einen wichtigen Beitrag leisten: Von 2011 bis 2020 war sie Direktorin des Niederösterreichischen ÖVP-Bauernbunds. Und auch der Vorsitzende der Wehrdienstkommission, Erwin Hameseder, wird als Raiffeisen-Generalanwalt bei Wirtschaft und Landwirtschaft wohl Überzeugungsarbeit leisten. „Nichtstun und den Bericht zu ignorieren“, sei keine Option, erklärte Hameseder in der Vorwoche mehrfach. Die Wehrdienstkommission habe „den gewählten Verantwortungsträgern etwas zur Verfügung gestellt, was als Handlungsanleitung dienen soll. Mit allen Pro- und Contra-Argumenten, ohne parteipolitische Färbung“.
Auf die Grünen kann Klaudia Tanner vorerst nicht zählen. Deren Chefin Leonore Gewessler hält den Bericht und Diskussionen darüber offenbar für eine Hudelei: „Wir schütten das Kind mit dem Bade aus. Was es braucht, ist eine ordentliche Reform.“ Echte Verbündete fände Tanner derzeit allein in den Reihen der FPÖ. Die Freiheitlichen sprechen sich dezidiert für die Verlängerung des Wehrdienstes und die Wiedereinführung der verpflichtenden Truppenübungen aus. Bei den – gescheiterten – Regierungsgesprächen zwischen FPÖ und ÖVP im Jänner 2025 verhandelte der blaue Wehrsprecher Volker Reifenberger, selbst Oberstleutnant der Miliz, mit Tanner das Verteidigungskapitel: „Wir haben der Verteidigungsministerin damals das gleiche Modell vorgeschlagen wie jetzt die Wehrdienstkommission, aber Tanner hat sich hartnäckig geweigert, auch nur darüber zu reden.“ Offenbar ließ sich die Ministerin zwischenzeitlich von ihren Generälen überzeugen.
Österreichische Lösung
In den anstehenden Verhandlungen mit SPÖ und Neos ist Tanners Geschick gefragt. Viel Zeit bleibt ihr nicht. Die Entscheidung über die Wehrdienstreform muss im ersten Halbjahr fallen. Denn im Juni beginnen die Vorgespräche der Ressorts mit dem Finanzministerium zum Doppelbudget für die Jahre 2027 und 2028. Die Verlängerung des Wehrdienstes würde das Budget mit zusätzlich 250 Millionen Euro belasten – und hängt somit auch vom Wohlwollen von Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) ab. Das wahrscheinlichste Szenario: Die Regierung einigt sich auf ein Modell „6 + 2“: sechs Monate Wehrdienst und zwei Monate verpflichtende Truppenübung. Unter Spitzenmilitärs herrscht die Überzeugung, dass die Wiedereinführung der Übungen sogar wichtiger sei als die Verlängerung des Grundwehrdienstes.
Die Bevölkerung hätte Tanner hinter sich. Laut einer repräsentativen Umfrage des Verteidigungsministeriums vom November 2025 sprechen sich 51 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher für die Verlängerung des Wehrdienstes aus. Dass die Wehrpflicht notwendig ist, glaubt mit 73 Prozent eine klare Mehrheit. Bei einer von der SPÖ initiierten Volksbefragung sprachen sich im Jänner 2013 59,7 Prozent für deren Beibehaltung und gegen ein Berufsheer aus. 2006, vor genau 20 Jahren, wurden wahlkampfbedingt die Dauer des Wehrdienstes von Kanzler Wolfgang Schüssel und Verteidigungsminister Günther Platter (beide ÖVP) von acht auf sechs Monate verkürzt und die verpflichtenden Milizübungen endgültig gestrichen. Im Jahr 2024 schloss der damalige ÖVP-Bundeskanzler Karl Nehammer (selbst Reserveoffizier) die Wiedereinführung der Truppenübungen und eine Wehrdienstverlängerung kategorisch aus, da diese der Wirtschaft nicht zumutbar wären. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine lief da bereits seit zwei Jahren.
Dass nur einige hundert Kilometer vom österreichischem Staatsgebiet entfernt Krieg herrscht, beschäftigt auch Österreichs Rekruten. Oberst Georg Pilz, Kommandant des Jägerbataillons 17 im südsteirischen Straß, wollte wissen, wie viele seiner Grundwehrdiener sich vorstellen könnten, weiterhin beim Heer zu bleiben, ob als Miliz- oder Kadersoldat. Dazu führte er unter seinen Rekruten im Dezember 2025 eine Umfrage durch. Der Ukraine-Krieg erwies sich als wichtiges Kriterium. Pilz: „Manche Rekruten, die nicht weiter beim Heer bleiben wollen, nennen als Grund ihre Sorge, dass auch Österreich in eine kriegerische Auseinandersetzung gezogen werden könnte. Andere sagen, dass sie gerade deswegen beim Heer bleiben wollen, um ihr Heimatland verteidigen zu können.“ Auch Oberst Klaus Rosenkranz, Kommandant des Pionierbataillons 2 in Salzburg, sagt im Gespräch mit profil, es sei seinen Grundwehrdienern bewusst, „dass es weltweit Unruheherde gibt und das Militär daher wieder eine größere Rolle spielt“.
Wie wohl die meisten Truppenkommandanten hält auch Rosenkranz die Verlängerung des Wehrdienstes für notwendig. Seine Pioniere sind die Ingenieure des Bundesheeres, die Brücken errichten, Dämme bauen und Wege anlegen. „Gewisse Dinge sind derzeit nicht möglich“, sagt Rosenkranz. So könnten nicht alle Pioniere für den Einsatz im Wasser ausgebildet werden. Und auch die Gefechtsausbildung würde leiden. „Die Soldaten sind nur innerhalb kleinerer Einheiten ausgebildet“, sagt Rosenkranz. Das Zusammenspiel in größeren Gruppen könne nach sechs Monaten aber nicht so recht funktionieren. Der Assistenzeinsatz seiner Pioniere im Katastrophenschutz bei Hochwasser, Lawinen, Stürmen oder Hangrutschungen funktioniere – allerdings finden diese Einsätze ohne Feind statt.
Ähnlich schildert es Oberst Pilz von den Straßer Jägern: „Nach sechs Monaten Ausbildung ist der Soldat in seiner Gruppe einsatzfähig. Für die Auftragserfüllung im größeren Verbund – Zug, Kompanie, Bataillon – reicht es allerdings nicht.“ Auch bei der Panzertruppe zeigt sich das gleiche Bild, wie Oberst Jörg Loidolt, Kommandant des Panzerbataillons 14 in Wels, erklärt: „Mit sechs Monaten ist eine komplette Ausbildung nicht möglich. Die Soldaten kennen das Angriffsschießen, das Verteidigen aber nicht. Die Tiefe der Wehrfähigkeit wird nicht erreicht.“ Loidolt bringt es auf die Formel: „Wir betreiben zielgerichtetes Stückwerk.“
Die Ausbildung beim Heer zur Feldverwendungsfähigkeit erfolgt in Stufen – und bleibt unvollendet. Gebirgsjäger erhalten entweder eine Sommer- oder Winterausbildung, beides ist in sechs Monaten nicht möglich. Bewegen und Überleben im Gebirge wird im Sechs-Monate-Dienst trainiert, Kämpfen im Gebirge schon weniger.
Ein weiteres Problem ist die geringe Nutzungsdauer bei Spezialfunktionen. Sanitäter stehen nach dem Ende ihrer aufwendigen Ausbildung ihrem Verband nur noch zwei Monate zur Verfügung. Auch die Ausbildung von Fahrern des Mannschaftstransportpanzers „Pandur“ ist aufwendig. Sind die Grundwehrdiener geschult, rüsten sie auch schon wieder ab.
Keine Feldverwendungsfähigkeit
Einer der ranghöchsten Offiziere des Bundesheeres, Generalleutnant Bruno Hofbauer, stellvertretender Generalstabschef und Leiter der Direktion Fähigkeiten und Grundsatzplanung im Generalstab, schrieb in einem Aufsatz zum „Risikobild 2024“: „Der Einsatz von Soldatinnen und Soldaten mit weniger als acht Monaten Ausbildung ist im Falle der militärischen Landesverteidigung nicht vorzusehen.“ Die Soldaten müssten nach der Mobilmachung acht Wochen lang neu ausgebildet werden, bis sie wieder einsatzbereit wären. Zur Überbrückung müsste eine eigene Bereitschaftstruppe aus Berufssoldaten und einsatzbereiten Einheiten eingerichtet werden.
Seit 2018 lässt das Verteidigungsministerium per Umfrage die Erfahrungen der Rekruten im Grundwehrdienst erheben. Laut der jüngsten Befragung vom Sommer 2025 sind 78 Prozent der Grundwehrdiener der Meinung, die notwendige Ausbildung für ihrer Tätigkeit als Soldaten erhalten zu haben. 67 Prozent geben an, sich mit dem Bundesheer zu identifizieren. Kameradschaft und Behandlung durch die Vorgesetzten werden positiv empfunden.
Wer mit Rekruten spricht, hört, dass viele von ihnen auch zwei Monate länger dienen würden. „Es gibt idiotensicher – und dann gibt es soldatensicher“, scherzt Lorenz Unger, Grundwehrdiener. Sein Name steht rechts neben der Eingangstüre des Achtbettzimmers, das hier beim Heer nicht „Zimmer“ genannt wird, sondern „Unterkunft“. Am Fasangarten 2, Maria Theresien Kaserne in Wien Hietzing – seit fünf Monaten ist Rekrut Unger hier anwesend. Stiegen sind abgenutzt, die Möbel abgewohnt, ausrangierte Schulsessel sind hier die Standardausstattung. Dennoch sei dies ein Ort, wo man viel lernen kann, sagt Unger. Der Rekrut steht neben seinem Stockbett, über das eine dicke, graue Decke gespannt ist, auf der in großen Lettern „Kopfende“ und „Fußende“ steht. Nur soldatensicher ist sicher.
Denn viele Grundwehrdiener haben, bevor sie zum Heer kamen, nie ihr Bett selbst gemacht, sagt Unger. Er muss es wissen, er ist Sprecher der Rekruten. Auch das lernen sie hier: Wo Fußende steht, muss die Kante der Decke auf Höhe einer dicken glänzenden Schraube abschließen. Landesverteidigung, sie beginnt beim Bettenbau, beim Wäsche falten und in den Kleiderkasten legen. Es ist die kleine Ordnung, die große Manöver ermöglicht; im Denken wie im Handeln.
Viele Grundwehrdiener würden genau diese Disziplin, die sie beim Bundesheer beigebracht bekommen, draußen, außerhalb der Militärbubble vermissen. Sie sei notwendig, um sich der eigenen Situation, auch politisch, gewahr zu werden, sagt Unger. Der Wiener war Schulsprecher, bei den pinken Junos engagiert, er sagt, er macht sich viele Gedanken um die geopolitische Lage, und sie mache ihm Sorge. Und er will einen Beitrag dazu leisten, damit Österreich wehrhaft bleibt. Doch was das konkret bedeutet, das kann er nicht so richtig erklären. Die Vorstellung eines echten Krieges, wo auch er selbst mit der Waffe im Schützengraben hockt, ist diffus, falls überhaupt vorhanden: „Ich denke nicht, dass es so weit kommen wird“, sagt Rekrut Unger.
Zwei Stockwerke höher sitzt Oberst Georg Frischeis, Kommandant der Garde in einem ausladenden Lederfauteuil und zeigt mit seinem rechten Zeigefinger auf seine Stirn: „Landesverteidigung beginnt im Kopf – man muss wissen, wofür man kämpft.“ Doch was heißt das in einer Migrationsgesellschaft, in der es ohne Migranten nicht gehen würde, wie auch Frischeis selbst ohne Umschweife sagt?
Das sei das geringste Problem, sagt Frischeis. Die Eingebürgerten leisten ihren Schwur, so wie jeder andere Rekrut auch, doch wenn es hart auf hart kommt, zählt nur eines: „Überlebe ich und überlebt mein Kamerad – und da sind Religion und Herkunft völlig egal.“ Die gemeinsame Anstrengung, sie schweißt zusammen. Migranten seien längst ein wichtiger Teil des Bundesheeres, und es gäbe auch keine Probleme bei der so genannten Integration.
So wie Österreichs militärische Verfasstheit derzeit aufgestellt ist, ist das Land nicht wehrfähig, sagt Oberst Frischeis. „Wenn ich optimistisch bin, sind wir auf 70 Prozent, ansonsten bei 50 Prozent.“ Katastrophenhilfe wäre kein Problem, kritisch wird es allerdings, wenn es um das Ineinandergreifen unterschiedlicher militärischer Waffengattungssysteme im Ernstfall geht. Dafür braucht es eine längere „Nutzungsdauer“, wie der Oberst sagt. Und auch mehr Soldaten. Zugespitzt formuliert: Dem Heer gehen die Rekruten aus. Im Vorjahr absolvierten bereits 14.900 junge Österreicher den Zivildienst. Etwa 40 Prozent der Tauglichen eines Jahrgangs entscheiden sich gegen den Dienst an der Waffe.
Den ersten Kontakt zum Bundesheer haben die jungen Männer bei der Stellung, die sie mit 17 Jahren absolvieren müssen. Auch bei der Musterung gilt: Der erste Eindruck zählt. Wenn es jemanden gibt, der weiß, wie die jungen Wiener ticken, dann ist das Otmar Banovits. „Es kommt in Wien kein 18-jähriger männlicher Staatsbürger an mir vorbei“, sagt der Oberst. Seit 2020 ist Banovits Vorsitzender der Stellungskommission Wien in der Van-Swieten-Kaserne an der Brünner-Straße im 21. Gemeindebezirk. Seitdem hat er rund 50.000 Burschen die Nachricht über ihre Tauglichkeit für den Grundwehrdienst überbracht. „Manche weinen wie Schlosshunde, weil sie nicht tauglich sind – andere heulen, weil sie es sind“, sagt Banovits.
Manche weinen wie Schlosshunde, weil sie nicht tauglich sind.
Oberst Otmar Banovits
Der drahtige Militär mit festem Händedruck und wachem Blick schreitet durch die Gänge des Heeresspitals. Durch den flachen Neubau schlurfen Rekruten, noch gar nicht angelobt und schon uniformiert: weiße T-Shirts, schwarze Shorts und Plastikschlapfen, in denen sie von einer Untersuchung zur nächsten bummeln. An diesem Tag sind Burschen des Jahrgangs 2008 aus dem Bezirk Landstraße vorgeladen, Milchgesichter mit blonden Locken und blassen Wadeln. Vom EKG bis zum psychologischen Test wird hier in eineinhalb Tagen alles abgetestet, Banovits nennt es „die größte Gesundheitsstraße Österreichs“.
Die Ergebnisse der Untersuchungen der vergangenen Jahre seien nicht unbedingt erfreulich, sagt Banovits. „Die Burschen werden jedenfalls nicht fitter.“ Vor allem die psychologischen Testungen ergeben bedeutende Verschlechterungen, und das vor allem seit der Corona-Pandemie. Die soziale Isolation habe tiefgreifende Spuren in der mentalen Verfasstheit der Jugend hinterlassen. Zwar werde es mittlerweile besser, doch die Ausläufer sind auch ein halbes Jahrzehnt nach Beginn der Lockdowns zu spüren. Viele junge Männer würden an massiven Angststörungen leiden, „die Einschränkungen sind signifikant“. Etliche kämen bereits mit psychiatrischen Diagnosen zur Stellung.
Ein wirklicher Unterschied in der Tauglichkeit zwischen Burschen mit und ohne Migrationshintergrund sei nicht auszumachen, sagt Banovits, außer, dass die Söhne der Zuwanderer häufiger für Heer als Zivildienst optieren würden und sich ihre Tauglichkeit aufgrund höherer Kenntnisse der deutschen Sprache verbessert hat. Ansonsten jedoch haben die einen wie die anderen dieselben Schwächen.
Etwa 37.000 Burschen werden jährlich zu den Stellungsuntersuchungen geladen. Ein Fünftel davon ist untauglich oder vorübergehend untauglich. Für die anderen lautet die Frage: Zivildienst oder Wehrdienst? Bei jenen, die am Ende zum Bundesheer gehen, hat Oberst Loidolt, Kommandant des Panzerbataillons 14 in Wels, im Laufe der Jahre eine Veränderung festgestellt: „Früher rückten viele Rekruten mit langen Haaren ein und mussten gleich einmal zum Friseur. Heute sind es viel weniger.“