Deutschland: "Taktisches Luftverteidigungssystem"

Wehrtechnik & Rüstung, Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik
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theoderich
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Deutschland: "Taktisches Luftverteidigungssystem"

Beitrag von theoderich » Do 2. Mai 2019, 18:51

Teuer und unnötig?
Streit um neues Raketenabwehrsystem
Eines der teuersten Rüstungsprojekte des Bundeswehr geht in diesen Tagen in die nächste Runde. Für viele Milliarden soll die Bundeswehr ein neues Raketenabwehrsystem erhalten. Bisher vertraut man auf das System Patriot des US-Konzerns Raytheon, das aber Ende der 2020er Jahre sukzessive durch eine modernere Technologie ersetzt werden soll. Das neue System wird vom europäischen Lenkwaffenkonzern MBDA, einem Tochterunternehmen von Airbus, sowie der amerikanischen Rüstungsfirma Lockheed Martin kommen. Wie der Tagesspiegel erfuhr, wird die Bietergemeinschaft ihr Angebot für das Projekt noch im Mai vorlegen. Streit ist dabei vorprogrammiert. Denn es geht um viel Geld – und um die Frage, ob Deutschland ein solches Programm überhaupt braucht.

Im Verteidigungsministerium ist die Antwort wenig überraschend ein klares „Ja“. In Militärkreisen firmiert das Projekt unter dem Titel TLVS, eine Abkürzung für taktisches Luftverteidigungssystem. „TLVS wird einen deutlichen Fähigkeitssprung gegenüber heutigen marktverfügbaren Systemen darstellen“, begründet das Bundesverteidigungsministerium die Anschaffung auf Anfrage. Zudem betont man dort die „offene Systemarchitektur“ und die „nationale Systemhoheit“.
Laut Kuntze kann sich das bald ändern. „TLVS ist so konzipiert, dass es die Einbindung leistungsfähiger Sensoren und Effektoren erlaubt und so die Bekämpfung von zukünftigen Bedrohungen, dazu gehören auch Hyperschallwaffen, ermöglichen wird“, sagt er. MBDA habe der Bundeswehr in drei großen Tests unter einsatzähnlichen Bedingungen die Fähigkeiten des Systems demonstriert und alle Anforderungen erfüllt.

Nach der Angebotsabgabe soll sich der Bundestag noch im diesem Jahr mit dem Projekt beschäftigen. Dort muss sich Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) auf Widerspruch einstellen. Denn die Kosten für das bereits 2015 beschlossene Projekt drohen aus dem Ruder zu laufen. Nachdem anfangs mit vier Milliarden Euro kalkuliert wurde, ist schon seit Februar klar, dass mindestens acht Milliarden Euro anfallen werden. Aktuell befasst sich der Bundesrechnungshof mit dieser Kostensteigerung. Die Bundeswehr kann auf Anfrage derzeit „keine Aussagen zum finanziellen Volumen des Projekts übermitteln“.

Ziel sei es jedoch, einen Vertrag auszuhandeln, „der künftige Kosten nicht kleinrechnet und die zu erbringenden Leistungen detailliert, inklusive Sanktionsmechanismen, beschreibt“, teilt ein Sprecher des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung mit. Man wolle „gerade nicht wieder in die alten Fallen“ laufen, sondern dem Parlament vorher den „sauberen Preis“ nennen und die Haftung für Verzögerungen „fair mit der Industrie aufteilen“. „Für den Steuerzahler bleiben damit Überraschungen mit Kostenexplosionen aus“, ist man sich im Verteidigungsministerium sicher.

Opposition hat Zweifel am Sinn

Doch selbst wenn die Kosten im Rahmen bleiben, ist das Projekt politisch umstritten. So lehnen die Grünen und die Linke die Anschaffung komplett ab. „An der Sinnhaftigkeit des Systems sind massive Zweifel angebracht“, sagt Katja Keul, abrüstungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion. Es gebe Zweifel an der Leistungsfähigkeit, zudem sei das System für die Landesverteidigung nicht geeignet, da nur einzelne Ziele geschützt werden könnten. Es „taugt nicht zur territorialen Raketenabwehr“, urteilt Keul.

Die Linke spricht sich ebenfalls gegen das Projekt aus. Es solle vorrangig Auslandseinsätze der Bundeswehr im Ausland ermöglichen, sagt Sevim Dagdelen, Sprecherin für Abrüstung ihrer Fraktion. Sie geht außerdem von weiteren Kostensteigerungen aus und fügt einen weiteren Vorwurf an: „Das TLVS ist nichts anderes als ein Geschenk an die Rüstungsfirma MBDA Deutschland durch deren Lobbyisten im Bundestag.“
https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/ ... 76596.html

Wieder mal sehr "fundiert" und "sachlich" ... Zeitungsartikel zu Rüstungsprojekten sind überall gleich.

theoderich
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Re: Deutschland: "Taktisches Luftverteidigungssystem"

Beitrag von theoderich » So 14. Jul 2019, 20:12

Germany – Patriot Advanced Capability 3 (PAC-3) Missiles Segment Enhanced
­­­WASHINGTON, July 12, 2019 - The State Department has made a determination approving a possible Foreign Military Sale to the Government of Germany of Patriot Advanced Capability 3 (PAC-3) Missiles Segment Enhanced (MSE) with support for an estimated cost of $401 million. The Defense Security Cooperation Agency delivered the required certification notifying Congress of this possible sale on July 12, 2019.

The Government of Germany has requested to buy fifty (50) Patriot Advanced Capability 3 (PAC-3) Missiles Segment Enhanced (MSE). Also included are PAC-3 MSE launcher conversion kits; Missile Round Trainers (MRTs); Empty Round Trainers (ERTs); Launcher Stations (LS) heater controllers; PAC-3 ground support equipment; concurrent spare parts; documentation and publications; PAC-3 MSE shorting plugs; Quality Assurance Team; missile canister consumables; missile skid kits; PAC-3 MSE repair and return; missile Field Surveillance Program (FSP) for PAC-3 MSE; U.S. Government transportation; MSE launcher spare parts; PAC-3/MSE GMT kits; MSE DC motor kits; targets; Telemetry; U.S. Government range support; MSE flight test support; U.S. Government and contractor engineering; technical and logistics support services; and other related elements of logistical and program support. The total estimated value is $401 million.
https://www.dsca.mil/major-arms-sales/g ... t-enhanced

theoderich
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Re: Deutschland: "Taktisches Luftverteidigungssystem"

Beitrag von theoderich » Fr 6. Dez 2019, 23:09

Rüstung: 10. Bericht des Verteidigungsministeriums
2.17 Taktisches Luftverteidigungssystem (TLVS)

[...]

Das zweite Angebot der Bietergemeinschaft (BG) TLVS (bestehend aus den Unternehmen MBDA Deutschland GmbH und Lockheed Martin Corporation) liegt dem öffentlichen Auftraggeber (öAG) seit Ende Juni 2019 vor und wurde amtsseitig ausgewertet. Die Vergabeunterlagen zur Anpassentwicklung und Integration des für TLVS vorgesehenen Zweit-Lenkflugkörpersystems IRIS-T SL sind zum größten Teil erstellt. Die notwendigen Spezifikationen liegen mit dem zweiten Angebot der BG TLVS im Entwurf vor.

Die Bereitstellung von US-Rüstungsgütern und Dienstleistungen im Foreign Military Sales (FMS)-Verfahren, die der öffentliche öAG der BG TLVS für die Realisierung von TLVS als Beistellung zur Verfügung stellen muss, wurde im April 2019 bei der US-Regierung beantragt. Die Antragsbearbeitung auf US-Seite - mit dem Ziel einer Gewährung entsprechender Freigaben, insbesondere für die Nutzung des Lenkflugkörpers PAC-3 MSE der Lockheed Martin Corporation - wird durch zahlreiche Einzelmaßnahmen auf Expertenebene, flankiert durch den Dialog auf der strategisch-politischen Ebene, begleitet.
1. Stand und Entwicklung des Projektes

Die Auswertung des zweiten Angebotes ergab, dass das Angebot noch nicht den Anforderungen des öAG entspricht, weil wesentliche, zum Teil bereits abschließend verhandelte Leistungen und Vertragsinhalte im Angebot nicht enthalten sind oder die Forderungen des öAG nicht umgesetzt wurden. Der öAG führt derzeit Gespräche mit der Industrie, um zügig eine diesbezügliche Klärung bis Ende des Jahres 2019 herbeizuführen. Ziel ist es unverändert, einen Vertrag mit klaren Leistungsanforderungen und einer fairen Risikoverteilung zu erreichen, um nicht nach Vertragsschluss - wie bei früheren Rüstungsprojekten - mit für den öAG kosten- und zeitintensiven Nachbesserungen am Leistungsgegenstand konfrontiert zu sein.
Die Vielzahl kritischer und risikobehafteter Aspekte im Vorhaben TLVS ist insgesamt weiterhin signifikant und teilweise kaum zu beeinflussenden externen Einflüssen und Rahmenbedingungen geschuldet. Das Projekt verläuft insgesamt noch immer auf einem sehr kritischen Pfad. Das Projekt TLVS befindet sich weiterhin in einem laufenden Vergabeverfahren. Nach Abschluss der laufenden Gespräche zwischen öAG und Industrie kann sich weiterer Entscheidungsbedarf zum Vorgehen im Projekt TLVS im Rahmen einer gesamtplanerischen Bewertung ergeben.
https://www.bmvg.de/de/aktuelles/ruestu ... ium-161436


Antwort
der Bundesregierung

auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Marcus Faber, Alexander Graf Lambsdorff, Grigorios Aggelidis, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP

– Drucksache 19/12133 –

Rüstungspolitische Sachstandsermittlung zum Taktischen Luftverteidigungssystem


04.09.2019
1. Welche grundsätzlichen konzeptionellen Vorstellungen zur Entwicklung und Beschaffung von Flugabwehr- sowie bodengebundenen Luftverteidigungssystemen hat die Bundesregierung?

TLVS ist zur Fähigkeitserweiterung und als Nachfolge für das Waffensystem PATRIOT vorgesehen. Zusätzlich ist ein Aufwuchs für den Schutz von Objekten und Räumen sowie beweglich geführter Operationen der Landstreitkräfte gegen Bedrohungen aus der Luft im Nah- und Nächstbereich vorgesehen.

2. Welche und wie viele bodengebundene Luftverteidigungssysteme von mittlerer bis großer Reichweite sind aktuell (Stand: 31. Juni 2019) im Bestand der Bundeswehr?

Im Bestand der Bundeswehr befinden sich zwölf operationell genutzte bodengebundene Luftverteidigungssysteme von mittlerer bis großer Reichweite des Typs Flugabwehrraketensystem PATRIOT.

3. Welche und wie viele Flugabwehrsysteme für den Objektschutz bzw. für den Selbstschutz der Truppe sind aktuell (Stand: 31. Juni 2019) im Bestand der Bundeswehr?

Für den Objektschutz bzw. für den Selbstschutz der Truppe verfügt die Bundeswehr über zwei Nächstbereichsschutzsysteme MANTIS (Modular, Automatic and Network capable Targeting and Interception System) sowie über zwei Züge Leichtes Flugabwehrsystem (LeFlaSys).

4. Wie hoch ist der zusätzliche Bedarf von Flugabwehr- und bodengebundenen Luftverteidigungssystemen von kurzer, mittlerer und großer Reich-weite für die Bundeswehr (bitte nach den Kategorien kurze, mittlere und große Reichweite aufschlüsseln)?

Das Fähigkeitsprofil der Bundeswehr sieht bis zum Jahr 2031 eine Ausstattung mit dem Taktischen Luftverteidigungssystem für mittlere bis große Reichweiten zur Fähigkeitserweiterung und Nachfolge für das Waffensystem PATRIOT sowie mit dem Luftverteidigungssystem für den Nah- und Nächstbereichsschutz (LVS NNbS) für kurze Reichweiten zur Fähigkeitserweiterung und Nachfolge für die Waffensysteme MANTIS und LeFlaSys vor.
15. Welche Systemzahlen liegen der aktuellen Kostenprognose für TLVS zugrunde, und kann damit die maximale operative Schutzleistung des abzulösenden Flugabwehrraketensystems PATRIOT bedrohungsgerecht kompensiert werden?

Grundlage für die derzeitige Realisierung von TLVS sind die in den Customer-Product-Management (CPM)-Dokumenten Fähigkeitslücke und Funktionale Forderung sowie Auswahlentscheidung TLVS definierten Rahmenbedingungen und Stückzahlen.

Die Auswahlentscheidung für TLVS sieht u. a. eine Beschaffung von acht
Multifunktionsfeuerleitradaren, drei Weitbereichssensoren, vier Mittelbereichssensoren, 15 Startgeräten für den Lenkflugkörper PAC-3 MSE sowie 17 Startgeräten für den Zweitlenkflugkörper IRIS-T SL
vor.

Die technologische Leistungsfähigkeit, die der öAG für TLVS fordert, übertrifft die derzeit mit PATRIOT erzielte Schutzleistung deutlich.
18. Welche Zeitplanungen verfolgt die Bundesregierung für die Entwicklungs- und Nutzungsphase von TLVS?

Unter dem Vorbehalt der weiteren Entwicklung des Vergabeverfahrens ist ein Nutzungsbeginn ca. ab dem Jahr 2027 zu erwarten. Für TLVS ist eine Nutzungsdauer von 30 Jahren vorgesehen.
22. Welche Meilensteine hat die Bundesregierung für die Entwicklung von TLVS gegenüber den Anbietern festgelegt?

Derzeit befindet sich das Projekt in der Vergabephase zum Realisierungs- und Vorserienvertrag. Bestandteil der noch durchzuführenden Verhandlungen ist auch eine solide Meilensteinplanung. Nähere Angaben sind erst mit Vorliegen eines endverhandelten Vertrags möglich.

In der Aufforderung zur Abgabe eines zweiten Angebotes wurde eine detaillierte Meilensteinplanung gefordert. Zu den wesentlichen Meilensteinen zählen u. a. ein Critical Design Review, die Realisierung „Integration Zweitlenkflugkörper IRIS-T SL“, die Lieferung des Moduls „Einsatzprüfung“ sowie ein „TLVS Completion Review“.
31. Welche Effektoren sollen für TLVS, neben den in der Beschaffung befindlichen MSE-Flugkörpern, eingesetzt werden, welche Kosten entstehen durch evtl. weitere Beschaffungsmaßnahmen für Effektoren, und welche kämen dafür in Frage?

Neben dem Lenkflugkörper PAC-3 MSE wird als Alternative in niedrigeren Bedrohungslagen der Zweitlenkflugkörper IRIS-T SL der Firma Diehl Defence in TLVS integriert.

Die offene Systemauslegung von TLVS ermöglicht grundsätzlich die Einbindung weiterer Effektoren. Dies ist jedoch derzeit nicht geplant.

32. Was ist mit den für PATRIOT beschafften Flugkörpern geplant, die ggf. bei TLVS nicht mehr genutzt werden können?

Die Lenkflugkörper PAC-3 MSE des Waffensystems PATRIOT sind für TLVS grundsätzlich weiter nutzbar.

Die für PATRIOT beschafften Flugkörper, die durch TLVS nicht mehr genutzt werden können und noch zum Zeitpunkt der Ausphasung des PATRIOT-Systems über eine Restnutzungszeit verfügen, können nach Zustimmung der USA an andere PATRIOT-Nutzernationen zur weiteren Verwendung veräußert werden.
http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/19/129/1912983.pdf

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