COLD RESPONSE 2010

Die beeindruckende Landschaft konnte wohl kaum jemand genießen, denn die Übung machte ihrem Namen alle Ehre. Widrigste Wetterverhältnisse und arktische Temperaturen von deutlich unter -30 Grad machten den Teilnehmern zu schaffen.
Rechts die britisch-niederländische amphibische Kampfgruppe vor Norwegens Küste.

© Norwegian Armed Forces

Cold Response 2010
 

D-Days in Norwegens Fjorden. Vom 17. Februar bis 7. März 2010 versammelten sich etwa 8.500 Soldaten aus 14 Nationen, darunter rund 1.000 Spezialeinsatzkräfte in der Gegend um Narvik. Wo sonst könnte man besser im groß angelegten Stil Militäroperationen unter arktischen Einsatzbedingungen trainieren als hier - jenseits des Polarkreises.
Das Österreichische Bundesheer nahm erstmals im Rahmen der NATO Partnerschaft für den Frieden (Partnership for Peace - PfP) an der äußerst komplexen Übung teil, bei der Land-, See- und Luftstreitkräfte im Rahmen einer Multi-National Task Force MNTF im Verbund operierten.

ÜBUNGSSZENARIO

Das fiktive Eastland marschiert unter dem Vorwand, Northland würde ethnische Minderheiten ausbeuten, in den Nachbarstaat ein. Tatsächlich geht es den Schurken jedoch um den strategisch wichtigen Hafen von Narvik und die nahen Öl- und Gasvorkommen. Auch eine Terrororganisation ist in Northland aktiv und möchte die Wiederherstellung der Souveränität des Landes um jeden Preis verhindern. Mit einem UN-Mandat ausgestattet, greift eine MNTF ein, um gegen die konventionellen Streitkräfte Eastlands und die Terroristen vorzugehen ("UN Chapter 7 Szenario").
 

Übungsgebiet waren die norwegischen Provinzen Nordland und Troms sowie erstmals auch Teile Schwedens. Ein Größenvergleich mit Österreich macht die Dimensionen der Übung deutlich.
Für die Luftoperationen wurde ein riesiger Luftraum für die zivile Luftfahrt gesperrt - das ist nur "hier oben" möglich.
Grafik: © Doppeladler.com nach einer Grafik der Norwegian Armed Forces
Cold Response - Karte

Ein österreichischer Bell OH-58B Kiowa deckt das Vorgehen eines Enterkommandos in einem Speedboot.
© Norwegian Armed Forces
Kiowa meets Seals
 

VOLL INTEGRIERT - DAS BUNDESHEER

Wien beteiligte sich erstmals an der Cold Response und entsandte eine "Special Operations Task Group (SOTG)" des Jagdkommandos, eine Transportmaschine vom Typ Lockheed Hercules C Mk.1P (C-130K) und zwei Hubschrauber vom Typ Bell OH-58B Kiowa. Insgesamt war das Übungskontingent rund 140 Mann stark, davon gehörten etwa 60 Mann den Luftstreitkräften an.
 


Gerade noch im Tschad im Wüsteneinsatz, jetzt im Winter Norwegens – das Jagdkommando steht für weltweite Einsätze bereit. Das JaKdo hat sich bei der Cold Response durch stete Einsatzbereitschaft und hohe Durchhaltefähigkeit in arktischer Kälte hervorgetan. © BMLVS
Jagdkommando

 
Aufgabe der österreichischen Spezialeinsatzkräfte war es, nach Anlandung aus der Luft oder vom Wasser aus, völlig autark im Rahmen von bis zu 7-tägigen Einsätzen Fernaufklärung unter arktischen Bedingungen durchzuführen. Aufgeklärt wurden die Verstecke, die Truppenstärke, und die Taktik der Terrororganisation. In Folge galt es in raschen Kommandounternehmen, die Verstecke auszuheben und die Anführer festzunehmen. Die Einsätze wurden in enger Zusammenarbeit mit US Navy Seals (Seal Team 18) und dem deutschen KSK (Kommando Spezialkräfte) durchgeführt.
Die Hochgebirgserfahrung der Österreicher erwies sich im schweren Gelände und unter den extremen Klimaverhältnissen als bedeutender Vorteil. Oberst Gernot Rittenschober: "Während mehrere Spezialkräfte anderer Länder ihre Einsätze wegen Erfrierungen abbrechen mussten, kamen alle Österreicher ohne Verletzungen oder Kälteschäden zurück."
 


Für die Übung im hohen Norden trugen die Kiowas Kriegsbemalung. Die attraktive Wintertarnung wurde mit wasserlöslichen Farben auf die Standard-Lackierung aufgetragen.
© BMLVS/Gorup
Bell OH-58B Kiowa

 
Die beiden Bell OH-58B Kiowa (Kennungen 3C-OA und 3C-OH) unterstützten die Operationen der Spezialeinsatzkräfte aus der Luft durch Aufklärung, Feuerunterstützung und Transporteinsätze. Dafür flogen die Verbindungs- und Aufklärungshubschrauber etwa 20 Tages- und 40 Nachteinsätze, ausgerüstet mit dem Infrarot-Sensor AN/AAQ-22 Safire von FLIR Systems und dem 7,62mm M-134 Gatling Maschinengewehr. Die beiden Kiowa wurden schnell zu einem begehrten Begleiter der Spezialeinsätze. Alle Special Forces wollten sie dabei haben.
 


"Neutrale" unter sich. Ein österreichischer Kiowa eskortiert einen der neuen finnischen NH-90 Transporthubschrauber.
© BMLVS/Gorup
OH-58 meets NH-90

 
So unterstützen die österreichischen Hubschrauber auch das Entern der KNM Valkyrien A535 durch US Navy Seals, norwegische (Marinens Jegerkommando) und niederländische Spezialeinheiten. Die Aufbauten eines Schiffes könnten der Feuerkraft der Bordkanone nicht überstehen. Für die Crews der OH-58B handelte es sich um eine der anspruchsvollsten und abwechslungsreichsten Übungen bisher. Dementsprechend hoch war der Übungserfolg.
 

Kiowa Kiowa
Im Zuge der Übung Cold Response wurde auch scharf geschossen. Der OH-58B konnte seine Minigun gegen am Meer treibende Flöße einsetzen.

 
Die beiden Kiowa wurden von einer österreichischen Hercules C Mk.1P (Kennung 8T-CC) nach Norwegen geflogen. Doch die Hercules diente nicht nur als Transportmittel in den hohen Norden. Erstmals wurde sie im Rahmen einer so komplexen Übung auch taktisch zur Unterstützung von Spezialeinheiten eingesetzt. Das Einsatzspektrum reichte vom Absetzen von Fallschirmspringern, Combat Offloads (das rasche Absetzen von Paletten aus dem rollenden Flugzeug ohne Unterstützung einer Bodencrew), MEDEVAC bis hin zu gewöhnlichen Lufttransportaufgaben, sofern man unter vorherrschenden klimatischen Bedingungen von "gewöhnlich" sprechen kann. Dabei war der Austausch mit ausländischen Hercules-Crews, insbesondere mit der US amerikanischen Besatzung einer MC-130, von besonderem Wert.
 


Hercules 8T-CC auf der Schneepiste von Evenes, dem Stützpunkt der den Spezialeinsatzkräften zugeteilten Fliegerkräften.
© BMLVS/Gorup
Hercules 8T-CC

Dieser Einsatz des deutschen KSK beginnt im Bauch von 8T-CC. Einen taktischen Transporter vom Kaliber einer C-130 sucht man in der deutschen Luftwaffe vergeblich. Dort ist derzeit noch die Transall C-160D der leistungsfähigste taktische Transporter.
© BMLVS/Gorup
Hercules 8T-CC
 

Oberst Hannes Mittermair vom Kommando Luftunterstützung, das etwa 60 Soldaten nach Norwegen entsandte: "Die Herausforderungen waren enorm. Bei uns sind Übungen meist nach einer Woche vorbei. Drei Wochen sind da schon etwas Besonderes. Dazu kamen die harten klimatischen Bedingungen mit meist minus 20 Grad, ja sogar bis zu minus 30 Grad. Und auch die Verlegung der Soldaten und des Fluggerätes über 3.000 Kilometer waren eine Herausforderung."
 


© Kiowastaffel
Bereits im Juli 2009 wurde bei einer Verladeübung der Kiowa 3C-OA in eine Hercules verladen. Dazu müssen Hauptrotor und Hauptgetriebe demontiert werden.
 

Das Jagdkommando setzt im Rahmen seiner Missionen gerne Hunde ein. Mit nach Norwegen kam der auch als Zugriffshund ausgebildete Schäferhund "Duke". Dort musste er aus Flugzeugen springen und u.a. auch einen festzunehmenden Terrorpaten überwältigen. Gepuscht durch das großartige Foto von Heeresfotograf Gorub (s.u.), der uns auch dankenswerter Weise einige Bilder für diese Reportage zur Verfügung gestellt hat, wurde die Story vom österreichischen "Luftlande-Schäferhund" weltweit von den Medien aufgegriffen.
Hunde nehmen Höhenunterschiede anders war und lassen sich vom Absprung aus einem Flugzeug nicht beunruhigen. Schon eher stört sie der Lärm der Triebwerke. Den freien Fall aus 10.000 Fuß Höhe und den Fall unter dem Schirm nehmen Hunde oft gelassener als Menschen.
 


Ein Bild geht um die Welt. Die Story vom österreichischen "Luftlande-Schäferhund" wurde weltweit von den Medien aufgegriffen. Duke ist ein Zugriffshund des JaKdo und wurde u.a. zur Überwältigung von festzunehmenden Terrorpaten eingesetzt. © BMLVS/Gorup
Jagdkommando

Alle österreichischen Elemente fügten sich problemlos in das komplexe Umfeld ein und konnten in enger Zusammenarbeit mit Spezialeinheiten anderer Nationen selbst anspruchsvollste Missionen erfolgreich beenden.
Wieder einmal konnte das Bundesheer seine hohe Professionalität und Einsatzfähigkeit auch unter schweren Bedingungen beweisen. Das einige der Übungsteilnehmer bis vor kurzem noch im Tschad im Einsatz waren, unterstreicht die weltweite Einsatzfähigkeit der Truppe. Die Cold Response wird künftig alle zwei Jahre stattfinden. Hoffentlich wieder mit österreichischer Beteiligung. Denn das hier gebotene Szenario ist eine einmalige Übungschance.

 

Nicht nur das Jagdkommando, auch die Fliegertruppe ist für arktische Einsatzbedingungen ausgerüstet.
Die verwendeten Fluganzüge sollen nach einem Flugunfall das Überleben in der kalten Nordsee ermöglichen.
© Kiowastaffel
Kiowa Crew
 

Wissen: 15 Jahre Mitglied der NATO Partnerschaft für den Frieden
Die Partnerschaft für den Frieden (englisch: Partnership for Peace – Abkürzung: PfP) ist ein Programm der NATO für die Zusammenarbeit mit Staaten, die nicht der NATO angehören. Ziel der Partnerschaft ist die Verbesserung der internationalen Zusammenarbeitsfähigkeit. Denn erst durch gemeinsame Ausbildung, Übungen und die Vereinheitlichung von Normen sind gemeinsame Einsätze möglich.
Auch wenn man es in Österreich oft nicht wahrhaben will – rund 94 % der EU-Bevölkerung leben in NATO-Mitgliedstaaten. 21 von 27 EU-Mitgliedstaaten sind im Juni 2010 NATO Mitglieder. Das Nordatlantik-Bündnis stellt daher die primäre Basis für die europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik dar. Folgerichtig gelten daher NATO Standards auch bei EU Militäreinsätze. Auch UN Missionen greifen auf die bereits fertig ausformulierten Normen zurück.
Die Zusammenarbeit in der Partnerschaft für den Frieden basiert auf Freiwilligkeit. Jeder Partner kann das Ausmaß seiner Beteiligung an der PfP selbst bestimmen. Österreich trat der PfP am 10.02.1995 bei und feiert 2010 daher die 15-jährige Mitgliedschaft.
Wichtigste Einsätze im Rahmen der PfP waren bisher die von der NATO geführten Operationen zur Stabilisierung des Balkans in Bosnien (1996) und im Kosovo (1999).
Aktuell gehören der Partnerschaft 22 Länder an (Stand 2009), darunter neutrale Staaten wie Österreich und die Schweiz, sowie auch zahlreiche Ex-Sowjetrepubliken, allen voran Russland selbst.

 
Narvik Narvik Friedhof


Der Hafen von Narvik 1940 nach einem Überfall britischer Zerstörer.

Der Hafen von Narvik hatte auch im 2. Weltkrieg strategische Bedeutung. Damals wurde hier das für das Dritte Reich kriegsnotwendiges Eisenerz umgeschlagen. Narvik spielte daher im Kampf um Norwegen eine Schlüsselrolle. Allein zehn deutsche Zerstörer wurden im Kampf und Narvik zerstört. Im Rahmen der Cold Response wurde der 70. Jahrstag der "Schlacht um Narvik" begangen und am Soldatenfriedhof der Oper aus April / Mai 1940 gedacht.
 

Bei arktischen Temperaturen ist vor dem Einsatz eine sorgfältige Enteisung besonders wichtig.
© BMLVS/Gorup
Hercules 8T-CC
 
Um einen besseren Eindruck zu vermitteln, in welchem komplexen und herausfordernden Umfeld die Österreicher bei der Cold Response 2010 üben durften, haben wir die folgende Galerie zusammengestellt. Die Bilder stammen aus diversen Quellen aus Norwegen, Schweden, Finnland, Großbritannien, Niederlande und Österreich.


Doppeladler.com bedankt sich bei all jenen, die durch ihre Bilder und Infos diesen Beitrag ermöglicht haben!

 
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