Neue „Leos“ für das Heer
Der neue Kampfpanzer Leopard 2 A7 ist ein beeindruckender Koloss. Gut 2,60 Meter hoch, fast vier Meter breit und circa 64 Tonnen schwer. Kürzlich hat der Rüstungskonzern Krauss-Maffei Wegmann (KMW) den Kampfpanzer in München an die Bundeswehr übergeben.
Deutschland und Kanada pflegen eine intensive Rüstungskooperation. Deutschland habe von den kanadischen Erfahrungen mit dem Leopard 2 im Einsatz in Afghanistan profitiert. Angriffe durch Minen und hohe Temperaturen im Einsatzgebiet stellten neue Herausforderungen dar, die auch Anpassungen der Waffensysteme notwendig machten.
20 Leopard 2 A6M lieh die Bundeswehr im Jahr 2007 für den ISAF-Einsatz den kanadischen Streitkräften. Die von KMW modifizierte Version Leopard A6 M CAN bewährte sich im Einsatz. Das bewog die Kanadier, den Leopard auch weiterhin zu nutzen. Nach der Rückgabe 2011 erwarben sie überzählige niederländische Leopard-Kampfpanzer und rüsteten diese auf. Im Zuge dieser Umrüstung wurden weitere Änderungsmaßnahmen eingebracht, wodurch der neue A7 für die Bundeswehr entstand.
Zehn neue „Leoparden“ dieses Typs wurden bereits an das Panzerbataillon 203 nach Augustdorf geliefert, mit vier weiteren kann das Bataillon in den nächsten Wochen rechnen. Darüber hinaus werden vier Kampfpanzer an das Ausbildungszentrum Munster gehen, ein weiterer an die technische Schule nach Aachen. Einer bleibt als Referenzfahrzeug bei KMW.
Neuerungen in Sachen Führung, Kühlung und Munition
Wie bereits sein Vorgänger zeichnet sich der neue Kampfpanzer durch besondere Schnelligkeit und Feuerkraft aus. Neu ist allerdings das integrierte Führungs- und Informationssystem (IFIS). Auf einem Tablet liefert das neue netzwerkbasierende System Echtzeitinformationen über die Lage der eigenen sowie der gegnerischen Kräfte. Informationen sind so einfacher auszutauschen und zu bearbeiten, zudem können sie schneller aktualisiert werden. Damit wird das Lagebild genauer. Die zu treffende Entscheidung beruht auf einer besseren Grundlage.
Weiterhin verfügt der A7 über eine Energieversorgungs- und Kampfraumkühlanlage mit Thermoschutznetz (EKKA). Sie beinhaltet eine externe Energieversorgung, einen Verbrennungsmotor mit Generator, welcher den Kampfpanzer ohne Einschalten des Haupttriebwerks mit Strom versorgt. Der Kampfpanzer ist dadurch erheblich leiser und kann schlechter aufgeklärt werden. Gleichzeitig werden die Batterien geschont und der Verbrauch des Betriebsstoffs verringert. Dadurch verfügt der A7 über eine höhere Durchhaltefähigkeit als sein Vorgänger, da er später betankt werden muss.
Die Kampfraumkühlanlage sorgt dafür, dass die Besatzung im wahrsten Sinne einen „kühlen Kopf“ bewahrt. In Wüstenregionen kann die Temperatur im Innenraum des Panzers leicht auf 70 Grad steigen. Die neue Kühlanlage wirkt dem Temperaturanstieg entgegen und kühlt Besatzung, Munition und Elektronik. Dadurch wird auch hier eine höhere Kampfkraft und Durchhaltefähigkeit erreicht.
Eine weitere Neuerung ist die temperierbare High Explosive (HE) Munition. Sie kann bis zu 5.000 Meter weit in den Modi „Aufschlag ohne Verzögerung“, „Aufschlag mit Verzögerung“ und „Luftsprengpunkt“ verschossen werden. Besonders wirksam ist sie gegen Bunker und befestigte Stellungen. Nachdem der Rüstungskonzern Rheinmetall die Produktion der bisherigen Munition einstellte, war die Weiterentwicklung des Leopard 2 A6 notwendig geworden, um neben der KE-Munition (Kinetische Energie) als Wuchtgeschoss gegen feindliche Panzer über eine wirksame Sekundärmunition zu verfügen. Einer der Hauptbedrohungen im Einsatz sind Angriffe durch Minen. Aus diesem Grund hat der A7 im Vergleich zum A6M einen erhöhten Minenschutz.
Die Bundeswehr verfügt über 225 Kampfpanzer. Derzeit laufen bereits die Planungen für die nächste Weiterentwicklung des Leopards 2 , der eine erhebliche Kampfwertsteigerung darstellen soll. Dabei wird er die ursprüngliche Agilität des „Leopards“ behalten. Des weiteren sollen die Sichtsysteme verbessert werden.
Noch lange kein AlteisenPanzerschlachten, wie sie noch 1973 im Jom-Kippur-Krieg oder 1991 bei der Operation „Desert Storm“ ausgetragen wurden, scheinen der Vergangenheit anzugehören. Stattdessen bestimmten Friedens- und Stabilisierungsmissionen wie in Somalia oder auf dem Balkan den Einsatzalltag.
Als die Bundeswehr 1995 zum Friedenseinsatz nach Bosnien-Herzegowina ausrückt, bleiben die „Leos“ in den Kasernen. Nicht zuletzt aus politischen Gründen: Der damalige deutsche Verteidigungsminister Volker Rühe wollte vermeiden, dass das deutsche Kontingent wie eine Besatzungstruppe wirkt. Doch auch aus militärischen Erwägungen erscheint nun der klassische Kampfpanzer wenig geeignet für die Befriedung von Bürgerkriegsländern.
Wenn es darum geht, fern der Heimat Krisen und Konflikte zu begrenzen, werden leicht verlegbare Kräfte und leichte Waffen benötigt. Die Verlegung von Kampfpanzern ist dagegen mit enormem Aufwand verbunden. Ebenso muss die logistische Basis im Einsatzland geschaffen werden. Dazu kommen der zumeist schlechte Zustand von Straßen und Brücken in vielen Einsatzländern.
Als der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages 2010 den Einsatz von deutschen Leopard 2 am Hindukusch ins Gespräch bringt, winken deutsche Spitzenmilitärs ab. Das Fahrzeug sei zu schwer und unbeweglich für die örtlichen Verhältnisse im deutschen Verantwortungsbereich.
Unverzichtbare Panzer
Welche Rolle spielen die Stahlkolosse in modernen Landstreitkräften? Mit dieser Frage müssen sich Planer auseinandersetzen. Die Niederlande haben sich 2010 dafür entschieden, ihre Leopard 2 nicht zuletzt aus finanziellen Gründen außer Dienst zu stellen.
Die Überlegung: Als kleine Nation würden die Niederländer ohnehin gemeinsam mit einem großen Partner in den Einsatz gehen. Dieser würde dann, wenn es notwendig sein sollte, über Kampfpanzer verfügen. Oberst Gunther Wiedekind, Leiter des Taktikzentrums des Heeres in Dresden, ist sich aber sicher: Für die Bundeswehr sind Kampfpanzer nicht nur wegen der Landes- und Bündnisverteidigung unverzichtbar.
Auch in Stabilisierungsoperationen können sie eine wichtige Rolle spielen. „Sie haben in einer Stabilisierungsoperation allein aufgrund ihrer physischen Präsenz eine Wirkung auf gegnerische Kräfte“, erläutert der Offizier und verweist auf die Erfahrungen in Afghanistan, wo Kanada und Dänemark eine speziell gegen Minen und IEDs geschützte Version des Leopard 2 in ihrem Verantwortungsbereich einsetzten. „Beim Anblick dieses Waffensystems überlegt sich ein Gegner zweimal, ob er dagegen vorgeht.“
Taktische Vorteile
Neben der psychologischen Wirkung sieht Wiedekind auch taktische Vorteile: „Er bietet die Fähigkeit zum präzisen Beschuss.“
Mit der richtigen Munition könne er gegen Gegner in Stellungen vorgehen. Dadurch ist ein militärischer Führer im Gefecht ein Stück weit unabhängig von Artillerie- oder Luftunterstützung.
„Das Konzept des Kampfpanzers ist auch technologisch noch nicht ausgereizt“, fügt Wiedekind hinzu. So habe das Waffensystem vor allem im Bereich der Aufklärungssensorik und der Führungs- und Informationssysteme noch eine Menge Verbesserungspotenzial.
Wie das aussehen könnte, damit beschäftigt sich Oberstleutnant Armin Dirks, Dezernatsleiter für Materielle Weiterentwicklung der Panzertruppen im Amt für Heeresentwicklung in Köln. Der Maschinenbauingenieur, der 1981 bei der Panzertruppe in die Bundeswehr eintrat, ist der Meinung: „Ohne sie geht es nicht.“
Die internationalen Einsätze hätten gezeigt, dass Luftoperationen allein nicht ausreichen. „Am Ende müssen doch Bodentruppen eingesetzt werden.“ Sein Gebiet sind die Kampfwertsteigerungen für den Leopard 2, mit denen das Kettenfahrzeug für mögliche Einsätze so gut wie möglich gewappnet werden soll.
Neue Marschrichtung für die Panzergrenadiere
Die Erfahrungen der Partnerländer USA und Großbritannien im Irak, aber auch der Kanadier in Afghanistan, liefern wichtige Anhaltspunkte, auf was es bei der Ausrichtung künftig ankommt. Es heißt auch, sie für den Einsatz im sogenannten urbanen Umfeld vorzubereiten.
Demografen gehen davon aus, dass hier bis 2020 etwa 75 Prozent der Weltbevölkerung leben werden. Wenn Konflikte in Gewalt umschlagen, dann werden sie immer häufiger auch in Ortschaften und Städten ausgetragen. Doch gerade die im Frontalbereich stark gepanzerten Kampfpanzer sind verwundbar gegenüber Beschuss durch Abwehrwaffen, die auf die deutlich schwächeren Seiten oder auf das Heck abgefeuert werden.
Im Häuserkampf kann die Kanone nicht auf höherliegende Stockwerke ausgerichtet werden. Auch das Blickfeld ist im Nahbereich stark eingeschränkt. In Studien untersucht Dirks, wie diese Nachteile ausgeglichen werden können, etwa durch Kameras und eine in alle Richtungen bewegliche Waffenstation. Eine Wunderwaffe für urbane Operationen wird aus dem Kampfpanzer aber nicht.
Nach wie vor gilt der Grundsatz, dass Ortschaften im beweglich geführten Gefecht nach Möglichkeit gemieden werden. Durch die Kampfwertsteigerungen soll der Kampfpanzer aber Infanterie in Ortschaften besser unterstützen können.
Besondere Duellfähigkeit
Die Duellfähigkeit des Leopard 2 spielt auch künftig eine Schlüsselrolle. Duellsituationen, das ist die überraschende Konfrontation mit plötzlich auftauchenden gegnerischen Waffensystemen, die innerhalb von Sekunden entschieden werden.
Solche Konfrontationen sind auch im Stabilisierungseinsatz denkbar, denn auch irreguläre Kräfte können über Kampfpanzer verfügen. „Nicht immer die allerneueste Generation, das reicht aber auch schon, um eine Bedrohung für unsere Dingos, Eagles und Boxer darzustellen“, betont Dirks. „Deshalb brauchen wir eine Plattform wie den Leopard, der dagegen aufgestellt ist.“
Dabei kann er durch seinen effektiven Schutz auch schwere Treffer einstecken, ohne komplett auszufallen. Im Dezember werden die ersten Leopard 2 A7 in die Bundeswehr übernommen. Wichtigste Neuerung ist die Integration des modernen Führungs- und Waffeneinsatzsystems IFIS sowie die Einrüstung einer Energieversorgungs- und Kampfraumkühlanlage mit Thermoschutznetz.
Außerdem verfügt er jetzt über eine tempierbare High Explosive Munition, die bis 5.000 Meter in den Modi „Aufschlag“, „Aufschlag mit Verzögerung“ und „Luftsprengpunkt“ verschossen werden kann. Als letzte Kampfwertsteigerung ist die Version A8 vorgesehen, die in den 2020er-Jahren in die Bundeswehr kommen soll. Die Sichtsysteme werden weiter verbessert. Außerdem soll der Leo seine ursprüngliche Agilität zurückbekommen.
Nach der Version A8 ist das System Leopard 2 aller Voraussicht nach ausgereizt. Da gilt es, sich rechtzeitig über ein Folgesystem Gedanken zu machen. 2012 wurde auf ministerieller Ebene eine engere Rüstungskooperation zwischen Deutschland und Frankreich beschlossen.
Ein gemeinsames Projekt ist die Entwicklung eines duellfähigen Gefechtsfahrzeugs für die Zeit ab 2030: das Main Ground Combat System (MGCS). Der Leopard 2 wäre zu diesem Zeitpunkt mehr als 50 Jahre in Betrieb. Die Kooperation bietet die Chance, die Entwicklungskosten zu teilen und gemeinsam höhere Stückzahlen zu erreichen. Außerdem geht das Know-how der Industrie nicht verloren.
Deutschland und Frankreich vereinbaren Rüstungskooperation (14. Juni 2012)
Absichtserklärung zwischen dem Bundesministerium der Verteidigung der Bundesrepublik Deutschland und dem Verteidigungsminister der Französischen Republik über neue Perspektiven für die Deutsch-Französische Rüstungskooperation
2. Landsysteme
Bemühungen im Bereich Landsysteme sollen sich auf Konzepte und Technologien konzentrieren, die für die zukünftigen Systeme benötigt werden, beginnend mit der Vorbereitung der nächsten Generation von Bodenkampfsystemen (Main Ground Combat System). Zukünftige Artilleriesysteme und leichte Kampfsysteme sollen ebenfalls untersucht werden.
Technologische Lücken sollen bewertet und gemeinsame, auf den Fähigkeitsbedarf ausgerichtete Forschungsaktivitäten auf den Weg gebracht werden. Das Ziel ist die risikoarme Entwicklung und Beschaffung zukünftiger Waffensysteme.