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BeitragVerfasst: 25. Aug 2005, 12:27 
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Interessante und lehrreiche Rede über den Widerstand von Platter anlässlich der Bennenung des Hofes der Rossauer Kaserne in Carl-Szokoll-Hof.

BMLV hat geschrieben:
Rede von Verteidigungsminister Günther Platter anlässlich der Benennung des "Carl-Szokoll-Hof"

Ich bin gestern von einem Truppenbesuch in Kunduz und Kabul in Afghanistan zurückgekehrt. Es sind einprägsame Bilder, die mich beschäftigen, weil ich dort gesehen habe, was 23 Jahre Krieg anrichten. Die Menschen dort - eine gesamte Generation - ist geprägt von Krieg, Instabilität und allen damit verbundenen Folgen. Wir leben in Österreich in Sicherheit und Stabilität. Wir haben seit sechzig Jahren Frieden in Österreich und würdigen heute eine Person, die eine bedeutende Rolle in den letzten Tagen des 2. Weltkrieges und weit darüber hinaus spielt.

Das Jahr 2005 bedeutet für die Republik Österreich ein Jahr des Gedenkens. Es ist gewissermaßen ein Gedankenjahr, weil wir es bewusst zum Anlass nehmen, um uns vertieft Gedanken über wichtige historische Ereignisse und Eckpunkte unserer Geschichte zu machen - Ereignisse, die in ihrer Bedeutung bis heute herauf reichen.

Wir feiern in diesem Jahr 2005 60 Jahre II. Republik, wir feiern 50 Jahre Staatsvertrag und 10 Jahre Mitgliedschaft bei der Europäischen Union - aus meiner Sicht, das größte Friedensprojekt der Geschichte. All diese Markierungen in der jüngeren Geschichte Österreichs sehen und verstehen wir in engem Zusammenhang mit dem Elend und den Leiden des 2. Weltkrieges.

Das nationalsozialistische Unrechtsregime wurde immer wieder mit Widerstandsbewegungen im Inneren konfrontiert, und eines der entscheidenden Ereignisse war das Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944. Dabei hatten Offiziere das Ziel, dem nationalsozialistischen Wahn ein Ende zu setzen.

Einer, der bereits an diesem Plan beteiligt war und durch glückliche Umstände anders als seine Kameraden der Verfolgung entkam, war der damalige Hauptmann Carl Szokoll. Die Operation "Walküre" wurde in Wien erfolgreich eingeleitet, doch im Gesamten ist der Plan der Offiziere gescheitert. Viele von ihnen - und auch ihre Familien - mussten für Mut und Überzeugung sehr schwer büßen.

Carl Szokoll entging der Verfolgung und wurde in den folgenden Monaten sogar zum Major befördert. Seine Haltung dem Unrechtsregime gegenüber hatte sich aber in keiner Weise verändert. In der kurzen Zeit nach dem Attentat von der Wolfsschanze im Sommer 1944 starben noch einmal so viele Angehörige der deutschen Wehrmacht, wie in den Jahren zuvor.

Am 6. April 1945 begann die Schlacht um Wien. Es war der Höhepunkt des Krieges in Österreich, der mit der Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft endete. Heute - über 60 Jahre danach - ist das immer noch ein Vorgang, der zutiefst aufwühlt und nicht als etwas gelten kann, bei dem einfach ein Datum in Erinnerung gerufen wird. Carl Szokoll setzte alles daran, das Elend in dieser Stadt so gering als nur irgendwie möglich zu halten.

Alleine in der Begrifflichkeit unterschied sich der Plan Carl Szokolls deutlich von der Operation "Walküre". Operation "Radetzky" war nun die Bezeichnung, mit der ganz bewusst zum Ausdruck gebracht worden ist, jetzt geht es um Österreich.

Major Szokoll stellte eine Verbindung zu den sowjetischen Kräften dar, um eine kampflose Übergabe Wiens zu erreichen. Die deutsche Führung, die von den Aufständischen erfahren hatte, erließ den Befehl, gegen diesen Widerstand im Inneren mit den brutalsten Mitteln vorzugehen. Szokolls Mitverschwörer Karl Biedermann, Alfred Huth und Rudolf Raschke fanden so im April 1945 am Floridsdorfer Spitz ihren grausamen Tod.

Carl Szokoll und seine Kameraden im Widerstand können uns auch heute als wichtige Wegweiser dienen, wenn es um die Frage geht, wie man in einer Armee mit Widerstand umgehen sollte. Die Frage nach Moral und Gewissen unter dem Aspekt der Pflichterfüllung zählt zu den schwierigsten überhaupt, sowohl für den Befehlsempfänger als auch für Befehlsgeber.

Die Rolle, die Robert Bernardis und Carl Szokoll am 20. Juli 1944 gespielt haben, auch die Rolle von Carl Szokoll, Karl Biedermann, Alfred Huth und Rudolf Raschke im Frühjahr 1945, hat im Österreichischen Bundesheer wichtige Spuren hinterlassen. Denn heute verlangen wir von unseren Soldatinnen und Soldaten Widerstand, wenn ein Befehl gegen strafgesetzliche Vorschriften verstößt.

Die Soldatinnen des Österreichischen Bundesheeres sollen in ihrem Dienst überzeugt sein, dass ihr Auftrag politisch notwendig, militärisch sinnvoll und moralisch begründet ist. Was noch nicht selbstverständlich war als Carl Szokoll als Major tätig gewesen ist, das ist heute umso klarer: Das Selbstverständnis der österreichischen Soldatinnen und Soldaten geht von einem anspruchsvollen Menschenbild aus: Eine freie Person mit einer unveräußerlichen Würde.

Im §7, Abs.2 der Allgemeinen Dienstvorschriften für das Bundesheer steht:
"Befehle, deren Befolgung gegen strafgesetzliche Vorschriften verstoßen würde, sind nicht zu befolgen". Ich stelle klar fest: Soldatinnen und Soldaten des Österreichischen Bundesheeres sind pflichtbewusste Demokraten mit politischer Reife und in Kenntnis ihrer Rechte und Pflichten. Sie sind nicht nur für sich selbst verantwortlich, sondern der Gemeinschaft verpflichtet. Jede Soldatin, jeder Soldat muss wissen und verstehen, wofür sie oder er ausgebildet und gegebenenfalls eingesetzt wird.

Daher hat das Österreichische Bundesheer mit der Biedermann-Huth-Raschke-Kaserne schon 1967 diesen drei Offizieren ein Zeichen des Andenkens gesetzt. Auch dem gebürtigen Grazer Oberleutnant Josef Ritter von Gadolla wurde bereits vor Jahren am Fliegerhorst Nittner ein Denkmal für seinen Mut im 2. Weltkrieg gesetzt. Gadolla wurde 1945 von den Nationalsozialisten standrechtlich erschossen, da er als zuständiger Stadtkommandant von Gotha in Thüringen durch das Hissen weißer Fahnen die Stadt kampflos den amerikanischen Truppen übergeben hatte.

Besonders aber haben wir im vergangenen Jahr im Österreichischen Bundesheer wesentliche und sehr bewusste Schritte gesetzt, um uns mit der Thematik "Widerstand im Militär" auseinander zu setzen: Hier zähle ich die Sonderausstellung im Heeresgeschichtlichen Museum "Tyrannenmord - der 20. Juli 1944 und Österreich" ebenso dazu, wie das Denkmal, das wir Oberstleutnant im Generalstab Robert Bernardis in Enns gesetzt haben. Auch die grundsätzliche Diskussion beim Symposium "Der Ruf des Gewissens" an der Landesverteidigungsakademie hat wesentlich zu einer Aufarbeitung dieser Thematik beigetragen.

Ich spüre, dass diese Auseinandersetzung im Österreichischen Bundesheer sehr viel bewegt hat. Wir haben einen wesentlichen Schritt nach vorne gemacht, weil wir in den vergangenen Monaten gelernt haben, drei wesentliche Dinge zu vereinen:

- die respektvolle Erinnerung an alle Opfer des 2. Weltkrieges und des Nationalsozialismus
- die würdigende Verneigung vor den Widerstandskämpfern
- und das ehrende Andenken an die Soldaten, die im 2. Weltkrieg in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht gekämpft haben oder sogar dabei gefallen sind.

Das ist für mich ein sehr bedeutsames und schönes Ergebnis nach einem intensiven und mitunter schwierigen Diskussionsprozess.

Carl Szokoll habe ich im Vorjahr bei der Eröffnung der Ausstellung "Tyrannenmord" kennen lernen dürfen. Für mich persönlich war es ein sehr bewegender Moment, einen Menschen mit dieser Geschichte zu treffen. Carl Szokoll, ein Mann mit diesem Mut und mit dieser Überzeugung, hat mich zutiefst beeindruckt.

Kurz bevor Carl Szokoll und ich uns ein weiteres Mal treffen sollten, um die Gedenkveranstaltung für Robert Bernardis in Enns zu besprechen, erhielt ich Nachricht von seinem Ableben. Das ist heute genau ein Jahr her.

Ich denke, auch er hätte gerne erlebt, wie wir 60 Jahre nach der Befreiung Wiens innehalten und gedenken.

Wir können aber ein Zeichen setzen und zeigen, dass wir Carl Szokoll für seine Leistungen sehr dankbar sind. Daher habe ich beschlossen, heute im Verteidigungsministerium eine Gedenkveranstaltung abzuhalten. Wir wollen den neu renovierten Innenhof des Ministeriums heute in Carl-Szokoll-Hof benennen - nicht nur, um einem großartigen Menschen dankbar ein Andenken zu setzen. Der Carl-Szokoll-Hof bedeutet für mich insbesondere, dass damit auch der Widerstand gegen den Nationalsozialismus insgesamt gewürdigt werden soll.

Neben der Gedenktafel, die ein unverwechselbares Zitat von Carl Szokoll beinhaltet, war es mir wichtig, dass auch ein weiteres Zeichen gesetzt wird.

Ein beständiges Zeichen zum Gedenken und zu Ehren aller, die als Offiziere Widerstand gegen das Unrechtsregime geleistet haben.

Der Künstler Richard Agreiter hat sich der Thematik Widerstand angenommen. Seine Skulptur mit dem Titel "Gewissen" drückt künstlerisch das aus, was sich mit Sicherheit im inneren der Soldaten im Widerstand abgespielt hat. Die Gewissens-Skulptur ist aus zwei Materialien gegossen. Außen herum besteht sie aus Eisen, es drückt Formen und Zwänge, militärische Vorgaben aus. Die am Boden liegende und daran befestigte Kette wurde gesprengt, dieser Akt ist mit Gewalt, Schmerz, Trennung verbunden. Im Inneren ragt Messing empor - es sprengt die Zwänge, es macht sich frei und geht dem Gewissen nach. Das Eisen verwittert, das Metall im Inneren hat Bestand.

Ich danke dem Künstler Richard Agreiter für diese Gewissens-Skulptur, dieses Kunstwerk ist über seine tiefe Bedeutung hinweg äußerst gut gelungen, es passt stilistisch sehr gut in diesen Hof und soll ein bleibendes und für viele Menschen zugängliches Denkmal sein.

Ich bin überzeugt, dass wir mit diesem schönen Hof einen weiteren wichtigen Beitrag leisten können, um die Rolle der Widerstandskämpfer aus Österreich aufzuarbeiten und zu würdigen.

_________________
Editor Doppeladler.com - Plattform für Österreichs Militärgeschichte - http://www.doppeladler.com


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