GRAZ-THALERHOF – AUS NACH 100 JAHREN

29. Dezember 2013

BUNDESHEER, NEWS

"Fliegende Tonnen" (Saab J-29F) 1972 am Hangarvorfeld von Graz-Thalerhof © luftstreitkraefte.at“Fliegende Tonnen” (Saab J-29F) 1972 am Hangarvorfeld von Graz-Thalerhof
© luftstreitkraefte.at

Fliegerhorst Nittner 1913-2013. Der Militärflugplatz Graz-Thalerhof wurde im Dezember 2013 offiziell stillgelegt. Fast genau 100 Jahre zuvor starteten die Bauarbeiten am Flugfeld.

Am 09. Dezember 2013 wurde im Zuge eines Festakts die Dienstflagge des Fliegerhorstes ein letztes Mal eingeholt. Der steirische Militärkommandant Brigadier Heinz Zöllner übergab sie an die Kalsdorfer Bürgermeisterin Ursula Rauch.
“Jedes Ende ist auch ein Anfang. Wir müssen uns neuen Herausforderungen und zukünftigen Aufgaben stellen. Es wird nicht für alle leicht sein, doch wir Soldaten und unsere zivilen Mitarbeiter haben gelernt, immer wieder in veränderten Situationen zu bestehen. Dafür wünsche ich Ihnen allen viel Erfolg und das nötige Quäntchen Glück!” so Brigadier Zöllner bei seiner Ansprache.
Teil des Festaktes war der Überflug einer 4er-Formation Saab 105 Oe, denn bis zuletzt war am Thalerhof die Fachabteilung Technik Saab-105 Oe stationiert.

DER FLIEGERHORST

Der militärische Teil von Graz-Thalerhof (LOWG) wurde nach dem Traditionserlass von 1967 als “Fliegerhorst Nittner – Thalerhof” bezeichnet. Namensgeber Eduard Nittner (* 5. Februar 1885 in Görz; † 17. Februar 1913 in Fischamend) war k.u.k. Offizier und Flugpionier. Berühmt wurde er durch seine Semmering-Überquerung mit einer Etrich Taube am 3. Mai 1912. Es war dies das erste Mal, dass in Österreich ein Alpenpass überflogen wurde. Nur ein Jahr später starb Nittner bei einem Flugunfall.

Der Fliegerhorst Nittner befindet sich unmittelbar westlich des Zivilflughafens Graz-Thalerhof im Süden der steirischen Landeshauptstadt Graz. Für Starts und Landungen teilte man sich die 3.000 m lange Asphaltpiste mit dem Zivilflughafen. Die Fläche des militärisch genutzten Areals betrug rund 385.000 m², davon waren ca. 225.000 m² Waldflächen.

Fliegerhorst Nittner 2013 © SIVBEG
Fliegerhorst Nittner 2013 © SIVBEG

Neben dem Wirtschafts-, dem Mannschaftsgebäude und der ehemaligen Krankenstation befinden sich mehrere Werkstätten- und Lagergebäude sowie eine Prüfhalle für Düsenflugzeuge auf dem Gelände. Zwei 3.600 m² große Hangars mit Hangarvorfeld sind zur Piste hin ausgerichtet. Etwas nördlich davon befindet sich ein Flugdach zur Unterstellung von Flugzeugen – etwa für eine Bereitschaftsrotte Abfangjäger.

BISLANG EIN LADENHÜTER

Schon von der Bundesheer-Reformkommission 2010 wurde der Fliegerhorst Nittner zur Entlassung aus der militärischen Nutzung empfohlen. Die endgültige Stilllegung des Fliegerhorstes war längst überfällig. Das Bundesheer hat in den letzten Jahren zahlreiche Flugzeuge aus dem aktiven Dienst ausgeschieden. Die verbliebenen Flugzeuge und Hubschrauber rechtfertigen die bisherige Anzahl an Militärflugplätzen nicht mehr.

Seit einiger Zeit wird von der SIVBEG erfolglos versucht, das Areal zu verkaufen. Die Versteigerungsfrist ist verstrichen. Die Liegenschaft befindet sich jetzt im freien Verkauf. Damit erhält der erste Bieter, der die 10,5 Millionen Euro Mindestgebot bietet, den Zuschlag. Es ist zu erwarten, dass das Mindestgebot nun schrittweise gesenkt wird, bis einer zuschlägt.

TRADITIONSREICHER STANDORT

Im Jahr 1913 – vor genau 100 Jahren – starteten auf dem Exerzierplatz Thalerhof der Garnison Graz die Bauarbeiten für ein Flugfeld der k. u. k. Luftfahrtruppe. Hangars wurden errichtet und ein Grasflugfeld angelegt. Im April 2014 – noch während der Bauarbeiten – erhielt der Flugpark Nr. 10 per Bahn seine ersten beiden Schulflugzeuge vom Typ Etrich-Taube aus Görz. Am 26. Juni 1914 hob das erste Flugzeug ab.
Im 1. Weltkrieg bildete die Fliegerersatzkompanie (Flek 3) am Thalerhof Piloten aus. Ab Mitte 1915 wurde hier auch die Fliegerkompanie Flik 17 aufgestellt. Im Verlauf des Krieges wurde das Flugfeld ständig erweitert und ausgebaut.

Der Friedensvertrag von Saint Germain verbot der kleinen Republik Österreich jede Art von Motorflug. Die Einrichtungen am Flugfeld entgingen der vorgeschriebenen Zerstörung, in dem sie im März 1920 an die Steiermark überschrieben wurden. So konnte bereits 1925 – den Vertrag interpretierte man von Jahr zu Jahr lockerer – Graz-Thalerhof in das erste innerösterreichische Flugnetz Wien-Aspern / Graz-Thalerhof / Klagenfurth-Annabichl der “Österreichische Luftverkehrs A.G.” (ÖLAG) eingebunden werden.

Schon das Bundesheer der 1. Republik nütze den Flugplatz. Neben Wien-Aspern wurde hier – teilweise im Verborgenen – am Wiederaufbau der militärischen Luftfahrt in Österreich gearbeitet. Im August 1933 trafen die ersten Doppeldecker-Jagdeinsitzer Fiat CR.20 am Thalerhof ein. Die Piloten hatte man still und leise in Italien ausgebildet.

Am 13. März 1938 besetzte im Zuge des “Anschlusses” die Deutsche Luftwaffe das Gelände. Erste Grazer Luftwaffeneinheit war die Sturzkampf-Gruppe I des Stuka-Geschwaders 168, die mit 36 Stukas Ju-87B den Ausbildungsbetrieb aufnahm. Im 2. Weltkrieg erlebte Thalerhof seine nächste Ausbaustufe.
Nach dem Krieg nutzte das britische Heer und die Royal Air Force das Areal und das Flugfeld. 1951 wurde der Platz für den internationalen Flugverkehr freigegeben.

Nach der Besatzungszeit wurde die zivile und militärische Doppelnutzung von Graz-Thalerhof festgelegt. Das Österreichische Bundesheer stationierte bereits 1955 Einheiten auf dem Gelände. Überwiegend waren es Soldaten der Fliegertruppe, aber auch Versorgungstruppen und ein Landwehrlager der Miliz waren in der Kaserne Thalerhof beheimatet. Von 1975 bis 1985 haben jährlich bis zu 400 Soldaten und Bedienstete am Fliegerhorst Nittner Dienst geleistet.

Am 28. März 1957 begann mit der Landung der ersten De Havilland DH 115 Vampire am Thalerhof das Jet-Zeitalter. Das Bundesheer stationierte in der Folge alle seine Jet-Typen am Fliegerhorst: De Havilland DH 115 Vampire, Fouga CM 170R Magister, Saab J 29F Fliegende Tonne, Saab 105 Oe, Saab J-35 Oe Draken, Northrop F-5E Tiger II.

Während der Slowenienkrise 1991 erfolgte die Luftraumsicherungsoperation vor allem von Graz aus.
Auch nach der Draken-Ära war Graz-Thalerhof von besonderer Bedeutung. Hier wurden die zwölf aus der Schweiz geleasten F-5E Tiger II stationiert, während man in Zeltweg die Infrastruktur für die Eurofighter Typhoon errichtete. Als im Jahr 2008 die F-5E den Fliegerhorst verließen, wurde es recht still im militärischen Teil des Areals.

Bis zuletzt war die Fachabteilung Technik Saab-105 Oe mit rund 60 Bediensteten hier stationiert. Diese wurde vor kurzem nach Zeltweg auf den Fliegerhorst Hinterstoisser umgesiedelt.

Für Fans der Militärfliegerei bleibt der Thalerhof eine interessante Adresse, denn das Österreichische Luftfahrtmuseum Graz-Thalerhof bleibt natürlich bestehen.

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