EINSATZ IM TSCHAD

9. Dezember 2011

BUNDESHEER, REPORTAGEN

Soldaten des Jagdkommandos in ihrer Puch G SandviperSoldaten des Jagdkommandos in ihrer Puch G Sandviper © Bundesheer

Der Einsatz des Österreichischen Bundesheeres in der Republik Tschad war in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Tatsächlich handelte es sich um zwei Einsätze: Die EU-Militärmission EUFOR TCHAD/RCA (European Union Force Tchad / République Centrafricaine – in Österreich oft als “EUFOR TSCHAD” bezeichnet) und der nachfolgende UN-Einsatz MINURCAT (Mission des Nations Unies en République Centrafricaine et au Tchad).
Bereits im November 2007, noch vor der Entsendung des ersten Kontingents, besuchte DOPPELADLER.COM die Einsatzvorbereitung in Götzendorf. Nun ziehen wir Bilanz über 693 Tage im Wüstensand.

VORGESCHICHTE

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen forderte der Darfur-Konflikt im Sudan über 300.000 Menschenleben und führte zu mehr als 2,7 Mio. Flüchtlingen. Zunehmend griff der er auch auf die Nachbarstaaten, die Republik Tschad und die Zentralafrikanische Republik über und bewirkte eine Destabilisierung der gesamten Region. Insbesondere die in schnell wachsenden Zeltstädten untergebrachten Flüchtlinge benötigten dringend humanitäre Hilfe und Schutz vor Übergriffen durch Rebellen und umherstreifenden Räuberbanden.

Im September 2007 beschloss der UN-Sicherheitsrat die Resolution 1778 über die Einrichtung der Mission MINURCAT in der Zentralafrikanischen Republik und im Tschad. Die UN-Mission umfasste eine zivile, eine polizeiliche und eine militärische Komponente. Die militärischen Aufgaben von MINURCAT nahm zunächst die EU-Militärmission EUFOR TCHAD/RCA war. Ihre Aufgabe war die Sicherung eines weitläufigen, an den Sudan grenzenden Gebietes im Tschad und in der Zentralafrikanischen Republik. Spezialeinheiten der EU wurden dabei als schnelle Eingreiftruppe vorausgeschickt, um die Sicherheitslage möglichst rasch zu verbessern und die Zeit bis zum Anlaufen der größeren UN Mission zu überbrücken (militärische Überbrückungsoperation).

Republik TschadLagekarte: Republik Tschad und die Stützpunkte der Österreicher in N’Djamena und Abéché.

EUFOR TSCHAD (EUFOR TCHAD/RCA)

Bereits im August 2007, und damit schon vor dem Beschluss des UN Sicherheitsrates, begann das Bundesheer mit den Planungen für den Tschad-Einsatz. Früh war klar, dass hoch bewegliche Spezialeinsatzkräfte des Jagdkommandos eingesetzt werden müssen, um mit möglichst wenig Mannstärke ein riesiges Areal zu überwachen.

Im November 2007 beschloss der Ministerrat im Einvernehmen mit dem Hauptausschuss des Nationalrates die Teilnahme österreichischer Truppen an der EUFOR-Operation. Aufgrund des vorhandenen UN Mandates sah man die Vereinbarkeit mit der Neutralität als gegeben an.
Die von Irland geführte Truppe, bestehend aus bis zu 3.700 Mann aus 26 Staaten, sorgte für den Schutz der Flüchtlinge und ermöglichte den bereits vor Ort tätigen Hilfsorganisationen und der UNO die Erfüllung ihrer humanitären Mission. Die Österreicher waren in N’Djamena und Abéché stationiert und waren für ein gutes Stück der 1.360 km langen Grenze zum Sudan verantwortlich. Soweit bekannt beschränkten sich die Einsätze auf das Staatsgebiet des Tschad.

Österreichs Kontingent bestand aus insgesamt 160 Mann (das viertgrößte aller teilnehmenden Staaten), die sich wie folgt zusammensetzen: Offiziere in den Hauptquartieren in Mont Valérien bei Paris (Operations HQ) und im Tschad (Force HQ), Ärzte und Sanitäter, ein Führungselement zur Sicherstellung der Verbindungen, Logistik- und Aufklärungselemente sowie rund 50 Spezialeinsatzkräfte des Jagdkommandos (Task Group Special Operation Forces – TG SOF). Für den Lageraufbau und -abbau standen kurzfristig etwa 50 weitere Soldaten zur Verfügung. Bis zu 30 Mann zusätzlich konnten für Spezialaufgaben im Einsatzraum, etwa zur Versorgung der Truppe, herangezogen werden (siehe unten: Einsätze in Zahlen).

Obwohl man sich zu Einsätzen des Jagdkommandos grundsätzlich gerne in Schweigen hüllt, sind einige Details bekannt: Das Jagdkommando nahm von März 2008 bis März 2009 neben anderen Aufgaben an insgesamt acht ausgedehnten Patrouillen mit einer Dauer zwischen zehn und 70 Tagen (!) teil, davon standen drei unter österreichischem Kommando.
In dieser Zeit kam es zumindest zu einem schweren Zwischenfall, nachdem eine österreichische Patrouille am 18. August 2008 nachts auf Räuber traf, die kurz zuvor Zivilisten überfallen und angeschossen hatten. Die Täter eröffneten sofort das Feuer – dem Vernehmen nach aus automatischen Waffen und RGPs – und es entwickelte sich ein heftiges Feuergefecht. Auf österreichischer Seite kam es zu keinen Verletzten. Die Angreifer setzten sich ab.

Im März 2009 wurde die EUFOR Mission erfolgreich beendet. Bei Übergabe an die zwischenzeitlich formierten Blauhelme war eine deutlich bessere Sicherheitslage im Einsatzraum vorhanden.

UN MISSION MINURCAT

Dem Ersuchen der UN um eine Teilnahme des Bundesheeres an der Folgemission MINURCAT wurde von der Österreichischen Bundesregierung im Februar 2009 entsprochen. Im Rahmen der UN-geführten Mission war ab März 2009 anstatt der Spezialeinsatzkräfte ein 130 Mann starkes Logistikkontingent mit Sicherungselement im Einsatzraum tätig. Das Logistikkontingent setzte sich dabei aus dem Kontingentskommando, einem Führungselement, dem Versorgungselement, dem Transportelement, dem Instandsetzungselement, dem Unterstützungselement, und einem Sanitäts-Element zusammen. Das österreichische Kontingent war dem französischen Logistikbataillon unterstellt. Die Transportleistungen dienten insbesondere der Eigenversorgung der Blauhelme. Die Österreicher führten insgesamt 24 ein- bis sechstägige Transporte durch und beendeten die Transportleistungen zeitgleich mit Frankreich.
Am 22. Dezember 2009 kehrten die letzten 10 Soldaten des Kontingents aus dem Einsatzraum zurück – insgesamt 693 Tage im Wüstensand gingen damit zu Ende. Noch bis etwa April 2010 dauerte die Nachbereitung des Einsatzes.

Die MINURCAT Mission verfolgte ausschließlich humanitäre und keine politischen Ziele, welche auf Dauer des Einsatzes auch erfüllt werden konnten. Der Einsatz endete aufgrund des auslaufenden Mandates und auf Wunsch der Regierung des Tschads offiziell am 31. Dezember 2010.

IMPRESSIONEN AUS DEM TSCHAD

DIE EINSÄTZE IN ZAHLEN

Aktivpersonal, Miliz, Zivilisten im TschadPersonal. Diese Zahlen umfassen sämtliche Entsendungen in den Einsatzraum inklusive temporärer kurzzeitiger Entsendungen (z.B. bei Piloten). Teilweise Mehrfachzählungen der insgesamt 950 einberufenen Personen aufgrund von Mehrfachentsendungen. Da sich auch aus dem Miliz– und Reservebereich lediglich elf Ärzte mit notfallmedizinischer Routine fanden, nahm das BMLVS sechs zivile Ärzte unter Vertrag.

Lufttransport. Für die über 4.000 km lange Luftbrücke zwischen Österreich und dem Tschad erfolgten insgesamt 133 Flüge, davon 89 Flüge mit den heereseigenen Transportflugzeugen Lockheed Hercules C Mk.1P (C-130K) und 44 Flüge mit angemieteten Flugzeugen wie der Ilyushin Il-76 Candid oder der Antonow An-124. Insgesamt wurden ca. 2.200 Tonnen Ladegut und 1.800 Personen auf dem Luftweg transportiert. Die dabei angefallenen Kosten sind in der nachfolgenden Tabelle aufgelistet.

Kosten EUFOR Tschad und MINURCATKosten. Die Kosten des Tschad-Einsatzes betrugen insgesamt 54,06 Mio. Euro.  Davon machte der Personalaufwand 15,77 Mio. Euro (ohne Grundbezüge) aus. Der Sachaufwand betrug 38,29 Mio. Euro, davon wurden 12,05 Mio. Euro in einsatzrelevantes Gerät investiert.

KRITIK & LOB VOM RECHNUNGSHOF

Der Rechnungshof hat den Tschad-Einsatz gründlich durchleuchtet und kritisiert in seinem Abschlussbericht, dass die tatsächlichen Kosten von 54,06 Mio. Euro deutlich über dem vom Verteidigungsministerium berichteten geschätzten Entsendungskosten von insgesamt rd. 45,96 Mio. Euro lagen. Grund für diese Differenz sind vor allem die vom Ministerium nicht angeführten einsatzbedingten Beschaffungen. Das Argument des BMLVS, dass diese Investitionen nun auch für andere Einsätze verfügbar wären ist zwar nachvollziehbar, dennoch wären die Beschaffungen ohne Tschad-Mission nicht getätigt worden.

Die Kritik an der mangelnden Auftragsvergabe (und dadurch mögliche Mehrkosten) für die einsatzbedingte Ausrüstung ist zwar grundsätzlich gerechtfertigt, berücksichtigt jedoch nicht die besonderen Umstände des kurzfristig angesetzten Auslandseinsatzes, für das nur wenig geeignete Ausrüstung zur Verfügung stand. Der Schutz der eingesetzten Soldaten geht einem ordnungsgemäß durchgeführten Vergabeverfahren vor.

Verschwörungstheoretiker wird interessieren, dass der Rechnungshof auch erhebliche Fehlbestände an Munition aufgedeckt hat – der Wert der Fehlbestände betrug rd. 250.000 Euro. Dieser Umstand, gemeinsam mit der Reaktion des Ministeriums, welche dem Rechnungshof „Geheimnisverrat“ vorwirft, legt den Schluss nahe, dass doch wesentlich öfter von der Waffe Gebrauch gemacht werden musste, als dies „daheim“ kommuniziert wurde. Es gibt jedoch auch wesentlich banalere Gründe (nicht dokumentierte Schießübungen, Verlust, Weitergabe an Kontingente anderer Staaten, etc.).

Lob gab es vom Rechnungshof für die frühzeitige Planung und für die erfolgreiche Durchführung des Einsatzes trotz hoher Risiken und schwieriger Rahmenbedingungen. Die hohe Anerkennung der Leistungen der österreichischen Soldaten durch ihre internationalen Verbündeten hatte sich bis zu den Buchhaltern der Nation durchgesprochen.

NACHSATZ

Beide Missionen, EUFOR TCHAD/RCA und MINURCAT, konnten die humanitäre Lage und die Sicherheitslage in der Grenzregion zwischen dem Tschad und dem Sudan zwar verbessern, den Konflikt jedoch nicht dauerhaft lösen. Dafür sind – trotz anhaltender Unterstützung von EU und UN auf anderen Ebenen – in erster Linie die beteiligten Staaten selbst verantwortlich. Das war der EU bzw. der UN von vornherein klar. Die Einsätze demonstrierten jedoch die Bereitschaft der internationalen Gemeinschaft, im Falle einer erneuten Zuspitzung der Lage zu intervenieren.

Stellvertretend für die vielen Hilfsorganisationen, die nach wie vor im Sudan und im Tschad im Einsatz sind, möchten wir auf die Websites von Ärzte ohne Grenzen und CARE Österreich hinweisen. Beide Organisationen liefern auch regelmäßige Updates zur ständig wechselnden Lage in der Krisenregion – und natürlich kann man dort auch spenden!

Weiterführende Links:

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