HUBSCHRAUBER-MEISTERSCHAFT IN DRAKINO

12. Oktober 2011

BUNDESHEER, EVENTS, REPORTAGEN

Bell OH-58B Kiowa, Kennung 3C-OKDurch Wettkampf zu Spitzenleistungen – Heeresflieger nahmen bei der russischen Hubschrauber-Meisterschaft 2011 in Drakino teil  © Archiv Kappl

Im Zusammenhang mit Heeressport denkt man vermutlich zuerst an die erfolgreichen Schispringer oder Judoka – doch beim Bundesheer werden auch viele Sportarten betrieben, denen weit weniger öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wird. Beim Hubschrauberflug geht es im Gegensatz zu anderen Motorsport-Disziplinen um Geschicklichkeit und Präzision und weniger um Geschwindigkeit.

Mit zwei neu aufgestellten Teams nahm das Österreichische Bundesheer als Teil des österreichischen Nationalteams HeliTeam-Austria an der offenen russischen Hubschrauber-Meisterschaft in Drakino teil.

SPITZENLEISTUNG DURCH WETTKAMPF

Die Teilnahme von Heeres-Crews an Hubschrauberwettbewerben hat bereits einige Tradition. Die Wettbewerbs-Disziplinen sind an typischen Aufgaben von österreichischen Heerespiloten angelehnt – z.B. Such- und Rettungseinsätze, Navigationsaufgaben, Löscheinsätze etc.

Das Bundesheer kann Dank der Besatzungen Kremlicka / Luxbauer / Thimet (auf Alouette III) sowie Lehner / Kern / Pribasnig (auf OH-58) bereits einige sportliche Erfolge auf nationaler und internationaler Ebene vorweisen: z.B. Gold in der Nationenwertung bei der Hubschrauber-Heim-WM 2002 in Aigen im Ennstal – natürlich ein gemeinsamer Erfolg mit den zivilen Crews aus Österreich.

Die Teilnahme an Wettbewerben ist für die Hubschrauberbesatzungen eine zusätzliche Motivation, absolute Spitzenleistungen zu erbringen. Aufgrund der Nähe der Wettkampf-Disziplinen zu Einsatzaufgaben können die bei den Bewerben gewonnenen Erfahrungen direkt übertragen werden.

NEUE TEAMS AM START

Erst im März 2011 wurden bei der bewaffneten Mehrzweckhubschrauberstaffel des Luftunterstützungsgeschwaders (bwaMzHSSta/LuUGschw) in Langenlebarn zwei neue Wettkampf-Teams des Bundesheeres auf dem Muster Bell OH-58B Kiowa gegründet – das Team Kappl / Gutscher und das Team Kern / Taucher. Unterstützt werden die Teams durch die drei Techniker Pribasnig, Giritzer und Weghofer – alle drei sind auch Schiedsrichter. Die bisherige Wettkampfteams des Bundesheeres beendeten ihre sportliche Karriere.

Im Juli 2011 fand am Fliegerhorst Brumowski eine erste Trainingswoche statt. Denn auch wenn das Fluggerät bestens vertraut ist, benötigen die Wettkämpfe eine zielgerichtete Vorbereitung.

Schon Ende Juli konnten die Teams bei der Offenen Deutschen Meisterschaft in Bamberg erste Wettkampferfahrung sammeln. Parallel dazu begannen ab Juni 2011 die Vorbereitung für die Teilnahme an den Offenen Russischen Meisterschaften am Drakino Airfield. In Drakino, ca. 100 km südlich von Moskau gelegen, wird 2012 die 14. Hubschrauberweltmeisterschaft stattfinden. Daher wollte man zur Vorbereitung der WM jedenfalls bei diesem Bewerb starten.

HECULES-AUFGABE: DIE ÜBERSTELLUNG

Der Transport der Bell OH-58B sollte per C-130 Hercules des Bundesheeres stattfinden. Damit ersparte man sich nicht nur einen langen Überstell-Flug mit vielen Zwischenstopps, sondern konnte mit der Bewerbsteilnahme auch gleich die seltene Gelegenheit wahrnehmen, eine Verlade- und Lufttransportübung durchzuführen.

Beinahe verhinderte die Bürokratie die Teilnahme. Verteidigungsministerium und Militärattache konnten erst die erforderlichen Genehmigungen erlangen, als die Wettkampf-Teams auch die Präsidentin des russischen Helikopterverbandes, Irina Grouchina, einschalteten.

Am 08.08.2011 startete die C-130 schließlich von Linz-Hörsching aus in Richtung Domodedovo Airport, Moskau. Das letzte wichtige Papier – die diplomatische Freigabe für die Flüge des OH-58B innerhalb Russlands, langte erst nach dem Start bei den offiziellen Stellen ein!
Mit an Bord war der auseinander gebaute Kiowa mit der Kennung 3C-OK und dem CallSign ‘KIOWA 39’. Darüber hinaus 7 Mann Besatzung, 6 Techniker der Fliegerwerft 1 (FlWft 1) und ein Dolmetsch.
Am Flughafen Domodedovo wurde der Kiowa in absoluter Rekordzeit zusammengebaut. Nach nur 5 Stunden nach der Landung war der Hubschrauber einsatzbereit. Das ist eine Spitzenleistung, wenn man bedenkt, dass davon über 2 Stunden beim Zoll verbracht wurden!

Für die Zukunft bedeutet dies, dass das Bundesheer nun in der Lage ist, einen OH-58 mit einer eigenen C-130 in ein Operationsgebiet einzufliegen und dort nach nur 2,5 bis 3 Stunden einsatzbereit zu sein. Völlig autark, ohne fremde Unterstützung.

Die einzige zivile Crew aus Österreich, die in Drakino antrat – das Team Seer / (Oberst) Platzer – ersparte sich mühsame Transfers und mietete vor Ort eine Robinson R-44, die dem eigenen Muster entsprach. Österreich stellte für die Wettkämpfe auch einen Chefschiedsrichter, Oberst i.R. Wolf-Dietrich Tesar sowie die Schiedsrichterin Elisabeth Tesar.

Alle Fotos: © Archiv Kappl

DER WETTBEWERB IN DRAKINO

Ein Hubschrauber-Wettkampf wird in vier Disziplinen ausgetragen. Pro Disziplin gibt es einen Katalog an Strafpunkten für Zeitüberschreitungen, Berührungen oder sonstigen Fehlern. Nur wer alle Disziplinen perfekt beherrscht hat Chancen auf einem Platz im Spitzenfeld. Technische Hilfsmittel an den Hubschraubern – wie z.B. GPS, Radarhöhenmesser usw. – werden entweder abgeklebt oder verplombt, damit diese weder für den Navigationsbewerb noch für den Präzisionsflug verwendet werden können. Gefragt ist echte ‘Handarbeit’.

Navigation: Der Wettbewerb besteht aus einer Navigationsaufgabe mit einem Zeit-/ Zielanflug und Lastenabwurf. Die Länge der Strecke beträgt etwa 70 bis 90 Kilometer, die zumeist in einer Höhe von 250 Metern über Grund absolviert werden. An speziellen Wegemarken wird 50 Meter über Grund geflogen.

Präzision: Dieser Wettbewerb verlangt das Abfliegen eines am Flugfeld markierten Kurses von einigen hundert Metern Länge in konstanter niedriger Höhe. Eigenheiten des Kurses werden vom Veranstalter erst am Tag der Registrierung bekanntgegeben.

Parallel Fender Rigging: Der Wettbewerb wird von zwei Wettbewerbsteams gleichzeitig auf parallelen Kursen geflogen. Er erfordert punktgenaues Absetzen mit einer Last (Fender) bei Seillängen von 4, 6 und 8 Metern innerhalb einer Flugzeit von 60 Sekunden.

Slalom: Der Wettbewerb erfordert präzises Fliegen, um einen am Seil befestigten Wassereimer durch 12 Tore zu manövrieren und abschließend auf einem Tisch abzusetzen. Der Hubschrauber ist mit geschlossener Tür auf der Pilotenseite zu fliegen. Die Flugzeit ist auf 200 Sekunden begrenzt.

Insgesamt 26 Crews waren in Drakino am Start. Wie bereits dargestellt, trat das Bundesheer mit zwei noch unerfahrenen Wettkampfteams an. Aus Österreich nahm auch die zivile Besatzung Seer / Platzer auf einem russischen Robinson R-44 teil.

Die Crews der Mehrzweckhubschrauberstaffel hatten gerade einmal 35 Flugstunden Training hinter sich und mussten gegen erfahrene Wettkampfbesatzungen antreten, die durchschnittlich 500 Stunden Vorbereitung hinter sich hatten. Gerade in Russland, eine Großmacht im Hubschrauberflug, ist die Leistungsdichte sehr hoch. In den Disziplinenwertungen und im Endergebnis belegten die beiden Teams erwartungsgemäß Plätze im letzten Drittel. Trotz der Aufbauphase, in der man sich derzeit befindet, konnte man mit bereits etablierten Teams mithalten. Natürlich wurde auch die Gelegenheit genutzt, sich die Tricks der weltbesten Teams abzuschauen. Einige Tipps wurden den neuen Konkurrenten auch freiwillig mit auf dem Weg gegeben. Durch die Teilnahme an der russischen Meisterschaft – dem erst 2. Wettkampf der Heeres-Teams – wurden daher wertvolle Erfahrungen gesammelt, die internationale Wettkampfszene besser kennen gelernt und die Teilnahme an der Hubschrauber WM 2012 optimal vorbereitet.

Alle Fotos: © Archiv Kappl


Weiterführende Links:

Wir bedanken uns bei Olt Kappl, selbst einer der Teilnehmer, der uns mit den notwendigen Informationen und Bildmaterial versorgt hat.

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