PANDUR II IN AFGHANISTAN

3. September 2012

REPORTAGEN, WEITERE THEMEN

Radpanzer Pandur II 8x8 der Tschechischen Streitkräfte in Afghanistan © ACRKBVP Pandur II 8×8 CZ der tschechischen Streitkräfte in Afghanistan © ACR

Seit Ende 2010 gehören vier moderne Radpanzer des österreichischen Typs Pandur II 8×8 zum tschechischen ISAF Kontingent in Afghanistan. Die Fahrzeuge dienen beim Provincial Reconstruction Team (PRT) in der südlich von Kabul gelegenen Proviz Logar.

Das PRT Logar der tschechischen Armee ist Teil der NATO geführten ISAF Schutztruppe (International Security Assistance Force) und seit März 2008 für die öffentliche Sicherheit, die Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte und den Wiederaufbau in der Region südlich von Kabul zuständig. Die Einheit ist in der US Forward Operating Base ‘Shank’ stationiert. 200 bis 293 SoldatInnen und zwischen 9 und 12 Zivilisten gehören einem Kontingent an. Zwei Angehörige des PRT verloren im Dienst ihr Leben.

Zur Wahrnehmung seiner Aufgaben kann sich das PRT Logar auf eine Reihe unterschiedlicher Fahrzeugtypen stützen: LKWs von Tatra, Iveco LMV (wird derzeit auch beim Bundesheer eingeführt), ATF Dingo 2 (auch beim Bundesheer in Verwendung), von der US Amy ausgeliehene MRAPs des Typs International MaxxPro Cat I und der Pandur II.
Jedes Fahrzeug hat seinen eigenen Verwendungszweck. Die Aufgabe der Pandur II ist “Force Protection”. Dafür sind die kampfstarken und mit modernster Sensorik ausgestatteten Fahrzeuge optimal geeignet.

DER PANDUR IN TSCHECHIEN

Der Pandur II wurde von der Steyr-Daimler-Puch Spezialfahrzeuge AG entwickelt. Das Wiener Unternehmen gehört heute zu General Dynamics European Land Systems und firmiert unter GDELS Steyr.

Im März 2009 beschaffte die Tschechische Republik nach zwei turbulenten Beschaffungsverfahren 107 Radpanzer Pandur II 8×8. Der Kaufpreis betrug etwa 512 Mio. Euro (14,4 Mrd. tschechische Kronen). In einem Ausschreibungsverfahren, dass auch umfangreiche Vergleichstests beinhaltete, setzte sich der Pandur II von Steyr Spezialfahrzeuge gegenüber seinem schärfsten Konkurrenten, den Patria AMV durch. Schon das erste technischen Bewertungsverfahren des zuvor abgebrochenen Beschaffungsanlaufs, konnte der Pandur für sich entscheiden.

Die tschechische Pandur-Beschaffung ist innenpolitisch in vielerlei Hinsicht mit der österreichischen Eurofighter-Beschaffung vergleichbar. Es handelt sich um ein großes und wichtiges Beschaffungsvorhaben, ursprünglich sollten weit mehr Radpanzer beschafft werden (237 Stück), einige Medien kampagnisierten gegen den Ankauf und Korruptionsvorwürfe werden die Justiz noch Jahre beschäftigen. Doch das ist eine andere Geschichte …

Für die tschechische Armee wurde von Steyr auf Basis des Modells “Pandur II 8×8 amphibisch” eine eigene Version entwickelt. Insbesondere wurde der Minenschutz durch einen doppelten Fahrzeugboden in umgekehrter V-Form (A-Form) verbessert. Der Panzerschutz wurde vom israelischen Unternehmen Rafael mit der ASPRO-P Systempanzerung überarbeitet. Darüber hinaus zeichnet sich der Pandur II CZ durch eine besonders fortschrittliche Bordelektronik aus (C4 – Command, Control, Communications, and Computers). Die ersten 17 Fahrzeuge wurden bei Steyr in Wien gefertigt. Alle weiteren wurden bzw. werden durch das tschechische Unternehmen VOP CZ s.p. endmontiert.

Die ersten 17 Radpanzer Pandur II für die tschechische Armee warten in Wien Simmering auf Auslieferung © GDELS SteyrDie ersten 17 Radpanzer Pandur II für die tschechische Armee warten in Wien-Simmering auf Auslieferung © GDELS Steyr

Folgende Varianten wurden bestellt: 72 KBVP Pandur II 8×8 CZ Radschützenpanzer (davon vier M1 – siehe unten), 11 KBV-VR Pandur II 8×8 CZ Radschützenpanzer für Kompaniekommandanten, 8 KBV-PZLOK Pandur II 8×8 CZ Aufklärungspanzer mit Gefechtsfeldradar, 8 KBV-PZ Pandur II 8×8 CZ Aufklärungspanzer ohne Gefechtsfeldradar, 4 KOT-Ž Pandur II 8×8 CZ Pionierpanzer und 4 KOT-ZDR Pandur II 8×8 CZ Sanitätspanzer (MEDEVAC). Bis auf die Pionier- und Sanitätspanzer alle mit RCWS-30 Waffenstationen, jedoch teilweise ohne Lenkwaffenbestückung.

KBVP M1 PANDUR II 8×8 CZ

Bei den vier Pandur II des PRT Logar handelt es sich um die Version KBVP für “Kolové Bojové Vozidlo Pěchoty” (übersetzt: “Radkampffahrzeug der Infanterie“). Das KBVP ist nicht nur Mannschaftstransportpanzer, es soll mit leistungsfähigen Sensoren und schwerer Bewaffnung auch einen guten Überblick über das Kampfgeschehen liefern und effektive Feuerunterstützung geben können.
Die Besatzung besteht aus dem Kommandanten, dem Fahrer und dem Bordschützen. Darüber hinaus können acht Soldaten auf minengeschützen Sitzen Platz nehmen. Das KBVP verfügt über eine ferngesteuerte Waffenstation RCWS-30 von Rafael. Die Waffenstation ist in zwei Achsen stabilisiert und mit einer automatischen Zielverfolgung ausgestattet, um aus der Fahrt heraus Ziele effektiv aufklären und bekämpfen zu können. Die Station kann an das Fahrzeugdach angelegt werden, um den (Luft-) Transport zu erleichtern. Die Bewaffnung besteht aus einer 30 mm Maschinenkanone, einem 7,62 mm Maschinengewehr und zwei startbereiten SPIKE-LR Lenkwaffen (Details siehe technische Daten).

Tschechischer Radpanzer Pandur feuert eine SPIKE LR Mehrzweck- / Panzerabwehrlenkwaffe ab © ACRTschechischer Radpanzer Pandur feuert eine SPIKE LR Mehrzweck- / Panzerabwehrlenkwaffe ab © ACR

Für den Einsatz in Afghanistan wurden eigens vier KBVP zur Version KBVP M1 aufgerüstet. Dabei stand eine weitere Verbesserung des Schutzes für die Besatzung und Interkompatibilität mit den US Truppen im Vordergrund. Anstelle der standardmäßigen modularen Stahl-/Aluminiumpanzerung wurde an den Seiten und der Front eine leichtere, aber wesentlich effektivere Keramikpanzerung angebracht. Auch die Radkästen wurden so verstärkt. Diese Corundum Panzerung ist nach Angaben des tschechischen Herstellers Vojenksý Technický Ústav Ochrany (VTÚO) Brno deutlich effektiver als die Originalpanzerung, jedoch um 10% leichter. Schon die originale Zusatzpanzerung des KBVP sorgte für einen Rundumschutz gegen Kaliber 14,5 mm. Das Material für die Panzerplatten stammte vom deutschen Unternehmen Ceramtec ETEC und dem tschechischen Unternehmen SGAC Turnov.

Zusätzlich entwickelte VTÚO eine effektive Käfigpanzerung (Slat Armor) für den Pandur II CZ. Die Konstruktion ist das Ergebnis von 180 Tests, bei denen der 350 kg schwere Käfig mit scharfen RPG-7 Granaten beschossen wurde. Modulare STAR Light 3 Breitband Störsender der tschechischen Firma URC Systems sorgen dafür, dass Sprengfallen in unmittelbarer Nähe des Fahrzeugs nicht per Funk ausgelöst werden können. Schließlich wurden Harris AN/VRC-110 Funkgeräte eingebaut, um die sichere Kommunikation über das Satellitenkommunikationsnetzwerk der US-amerikanischen Verbündeten zu ermöglichen.
Da beim ISAF Einsatz auf die Schwimmfähigkeit des Pandurs verzichtet werden konnte, wurden die Waterjets samt Antriebswellen, sowie die Klappe am Bug entfernt. So konnte das Gefechtsgewicht bei etwa 21 Tonnen gehalten werden.

Die Fahrzeuge waren ab September 2010 verfügbar und wurden Ende Dezember 2010 nach Afghanistan geflogen.

Die tschechischen Pandure sind amphibisch. Bei der Version M1 wurden diese Fähigkeit aufgegeben, um Gewicht zu sparen © ACRDie tschechischen Pandure sind amphibisch. Bei der Version M1 wurden diese Fähigkeit aufgegeben, um Gewicht zu sparen © ACR

EINSATZ IN AFGHANISTAN

Die KBVP M1 Pandur II CZ wurden mit einer Antonow An-124-100 Ruslan von Brünn nach Kabul geflogen und landeten am 21. Dezember 2010 in der Hauptstadt Afghanistans. Die lang erwarteten Radpanzer lösten die bisher verwendeten BVP-2 Schützenpanzer des tschechischen PRT Logar ab. Nach einem ausgiebigen Schießtraining verlegten die Fahrzeuge zur FOB Shank.

Schnell stellte sich heraus, dass die Unkenrufe vieler tschechischen Medien nicht gerechtfertigt waren. Laut den Pandur Besatzungen, die am Einsatzort auch für die Wartung der Fahrzeuge verantwortlich sind, kommen die Radschützenpanzer gut mit den heißen und staubigen Bedingungen zurecht. Der Pandur zeichnet sich durch sehr gute Geländetauglichkeit aus. Dabei hilft ihm neben dem fortschrittlichen 8×8 Fahrwerk auch der im Vergleich zu den verwendeten MRAPs (Dingo, MaxxPro) niedrigere Schwerpunkt.
Die Wartung kann Vorort mit einfachen Mitteln durchgeführt werden. Da die Fahrzeuge häufig eingesetzt und nicht nach einem Rotationsprinzip ersetzt werden ist das auch erforderlich.

Besonders hervorgehoben wird die Qualität der optischen bzw. Infrarot-Sensoren. Sowohl der Kommandant als auch der Richtschütze verfügen über einen eigenen Sensorturm. Zusätzlich ist der Pandur mit Rundumkameras ausgestattet. Dadurch erhält die Besatzung ein hervorragendes Situationsbewusstsein (situational awareness).
Die RCWS-30 Waffenstation macht aus den Radschützenpanzern das kampfkräftigste Fahrzeug in der Provinz. Der Pandur kann Fahrzeuge und auch Personen bei Tag und Nacht in einigen Kilometern Entfernung erfassen und aus großer Entfernung bekämpfen.

Ein bekannt gewordener Vorfall aus dem August 2011 macht den Nutzen deutlich: Als ein Konvoi der afghanischen Armee in einen gut vorbereiteten Hinterhalt der Taliban gerät, konnte ein Pandur von einer leicht erhöhten Position aus zufällig den Angriff beobachten und eröffnete aus großer Entfernung das Feuer. Die überraschten Angreifer erkannten nicht, von wo aus sie beschossen wurden und ließen vom Konvoi ab. Zwei der Taliban wurden verhaftet. Opferzahlen sind nicht bekannt.

Die vier Fahrzeuge werden zum Schutz der FOB Shank eingesetzt, indem sie von erhöhter Position aus die Umgebung beobachten.
Die Radpanzer untenehmen auch Patrouillenfahrten in die Hochrisiko-Zonen der Provinz Logar. Zwischen Jänner 2010 und August 2011 wurden 50 Patrouillen durchgeführt, einige davon mehrtägig. Heute sind bei allen riskanten Kontrollfahrten Pandure im Einsatz.
Darüber hinaus werden die Fahrzeuge als Begleitschutz für tschechische Konvois eingesetzt und oftmals auch von anderen Nationen angefordert. Auch die US Army ist nicht zu stolz, einen Pandur zum Schutz ihrer Truppen anzufordern. Besonders oft dürften sie eingesetzt werden, um die US Räumfahrzeuge zu decken, die nach Sprengfallen am Straßenrand suchen (RCP – Route Clearance Patrols).

Über Nachteile bzw. Defizite des Pandur erfährt man naturgemäß nur wenig. Das liegt auch an der notwendigen Kontrolle sicherheitsrelevanter Informationen in einem Krisengebiet. Angesprochen wird jedoch der im Vergleich zu den MRAPs etwas geringere Schutz gegen Sprengfallen (der Minenschutz ist vergleichbar, der ballistische Schutz ist beim Pandur höher). Berichtet wird auch, dass sich der Pandur nicht gut für den Einsatz im stark bebauten Gebiet eignet. Das große Fahrzeug ist durch die Käfigpanzerung noch schwerer durch enge Gassen zu steuern. Mit diesem Problem kämpfen alle modernen 8×8 Radpanzer. Auch der Dingo 2 und der MaxxPro werden im bebauten Gebiet kaum eingesetzt. Hier bewährt sich das IVECO LMV des tschechischen Kontingents.

Technische Daten KBVP PANDUR II 8×8 CZ

Hersteller: Steyr-Daimler-Puch Spezialfahrzeug AG (AUT); heute GDELS Steyr (General Dynamics European Land Systems). Endmontage durch VOP CZ s.p. (Tschechische Republik)
Besatzung: 3 Mann plus 8 Soldaten
Gefechtsgewicht
: 20.800 kg
Abmessungen
: Länge: 2.825 mm (Fahrzeug inkl. Staukörbe am Heck, aber exkl. Käfigpanzerung) / Breite 2.670 mm (Fahrzeug exkl. Käfigpanzerung) / Höhe: 3.328 mm bei aufgerichteter Waffenstation, 2.151 mm bis zum Fahrzeugdach / Bodenfreiheit: 448 mm
Triebwerk
: Cummins 6-Zylinder Diesel ISLe 450 HPCR, Hubraum: 8.900 cm³, 335 kW bei 2.000 U/min, Drehmoment 1.628 Nm bei 1.300 U/min
Getriebe
: ZF 6HP602 S Plus Automatikgetriebe mit 6 Vor- und 1 Rückwertsgang
Fahrwerk
: Antriebskonfiguration 8×8, Automatic Drive Train Management System (ADM) von Steyr Spezialfahrzeuge
Max. Geschwindigkeit
: 106 km/h
Fahrbereich
: 700 km auf Straßen
Geländetauglichkeit
: Steigfähigkeit: 70% / Querneigung: 40% / Kletterfähigkeit: 600 mm / Grabenüberschreitfähigkeit: 2,2 m / Watfähigkeit: 1,5 m (schwimmfähig!)
Schutzniveau
: Panzersystem Rafael ASPRO-P / Minenschutz: STANAG 4569 Annex B Level 3a (Detonation einer Mine mit 8kg TNT unter jedem Rad) / Ballistischer Schutz: Rundumschutz gegen 14,5 mm (Version M1 hat ein höheres Schutzniveau)
Bewaffnung
: ferngelenkte Waffenstation Samson RCWS-30 (Remote Controlled Weapon Station) von Rafael. Richtbereich horizontal: 360 Grad, vertikal -20 bis +60 Grad, in 2 Achsen stabilisiert, flache Transportstellung. Feuerleitsystem der 3. Generation mit automatischer Zielverfolgung. Gewicht der Waffenstation: 1.400 kg inkl. Waffen und Munition
Bestückung: 30 mm Maschinenkanone ATK Bushmaster II MK-44, Feuerrate: 100 oder 200 Schuss/min, Mündungsgeschwindigkeit: 1.080 m/s, effektive Reichweite: 3.000 Meter. Munition: 200 Schuss in 2 Munitionsarten (Dual-Feed): 140 High-Explosive (HE) und 60 Armor-Piercing (AP);
koaxiales 7,62 mm Maschinengewehr M240, Munition: 460 Schuss;
2x feuerbereite Mehrzwecklenkwaffe SPIKE-LR (Long Range): Reichweite: 4.000 m. Kann entweder in der Betriebsart “Fire & Forget” mit Infrarot-Lenkung (z.B. gegen Panzerfahrzeuge) oder per “Fire, Observe & Update” verschossen werden. Dabei wird das Sensorbild per Glasfaserkabel zurück in das Fahrzeug übertragen. Der Schütze hat die Möglichkeit, die Lenkwaffe genau in das Ziel zu lenken. Die SPIKE LR kann durch diese Eigenschaften auch erst nach dem Abschuss ein Ziel erfassen (lock-on after launch – LOAL) um Ziele außer Sicht des Kampffahrzeugs zu bekämpfen (non-line-of-sight targets – NLOS);
8x 76mm Wegmann-Werfer für Rauch- und Sprenggranaten
Ausstattung (Auszug): Auf der RCWS-30 Waffenstation: 2x MiniPOP von IAI/Tamam für Kommandant und Bordschütze (Farbkamera, Wärmebildgerät, Laserentfernungsmesser, Laserzielmarkierung), Multi Threat Detection System (MTDS) von Elbit Systems zur Erfassung, Kategorisierung und Lokalisierung von Radar und Radiowellen (zylindrisches Gerät rechts auf der Station).
ABC-Selbstschutzanlage, Reifendruck-Kontrollanlage, Räder mit Notlaufeigenschaften, Spall Liners zur Reduktion der sekundären Wirkung von eindringenden Projektielen, Brandbekämpfungsanlage für Triebwerksraum, Explosionsunterdrückungsanlage für den Innenraum

Radschützenpanzer KBVP Pandur II 8x8 CZ

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