SCHWEIZ ENTSCHEIDET SICH FÜR GRIPEN

30. November 2011

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Saab JAS-39C GripenSaab JAS-39C Gripen der tschechischen Luftstreitkräfte © Saab

Schweizer Medienberichten zufolge fiel heute, am 30.11.2011, im Bundesrat die Typenentscheidung im TTE-Programm zugunsten des Saab JAS-39 Gripen. TTE steht für Tiger-Teilersatz: 22 neue Kampfflugzeuge sollen die 54 Northrop F-5E Tiger II der Schweizer Luftwaffe ablösen und die bereits vorhandenen 33 McDonnel Douglas F/A-18 C/D Hornet ergänzen. Aus der Schweiz geleaste Tiger-Kampfflugzeuge waren auch bei den Österreichischen Luftstreitkräften als Überbrückungshilfe zwischen dem Ausscheiden der Draken und dem Zulauf der Typhoons im Einsatz (wir berichteten).

Die Schweiz hat sich für den JAS-39 in der eben erst aus dem Technologiedemonstrator NG entwickelten Version MS21 (Material System 21) entschieden, von der es derzeit noch keinen flugfähigen Prototypen gibt. Gegenüber dem Gripen C/D (entspricht MS19/20) besitzt die Version MS21 ein deutlich stärkeres Triebwerk. Mit dem General Electric F414G Mantelstromtriebwerk erhält der Gripen nun die Fähigkeit, Überschallgeschwindigkeit ohne dem Einsatz des Nachbrenners zu erreichen und zu halten (Supercruise). Das Hauptfahrwerk wandert vom Rumpf in die Tragflächen, wodurch mehr Treibstoff mitgeführt werden kann. Auch eine etwa 1.000 kg höhere Außenlast kann nun mitgeführt werden. Völlig neu ist die Sensorik: Der Gripen MS21 erhält ein AESA Radar von Selex Galileo, einen  IRST Sensor (Infra-Red Search and Track), neue Systeme zur elektronischen Kriegsführung (EW), ein verbessertes Selbstschutzsystem, etc. Es ist anzunehmen, dass die MS21 Version unter der Bezeichnung Saab JAS-39 E/F Gripen in Dienst gestellt wird – ‘E’ für den Einsitzer und ‘F’ für den Doppelsitzer.

Der Gripen setzte sich derartig aufgeputzt im TTE Programm gegen den Eurofighter Typhoon und die Dassault Rafale durch. Ausschlaggebend für den Typenentscheid dürfte vor allem der Preis gewesen sein, denn der Gripen unterlag seinen beiden Konkurrenten bei der Evaluierung der Leistungsfähigkeit deutlich. Durch die umfangreiche Evaluierung der Schweizer, welche auch Vergleichstests in der Schweiz beinhalteten, werden die Ergebnisse des heimischen Bewertungsverfahrens zur Draken-Nachfolge bestätigt. Der Gripen erfüllt jedoch laut dem Eidgenössischen Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) die grundsätzlichen Mindestanforderungen. Der JAS-39 punktete – ähnlich wie in Österreich – in den Bereichen Wartung und Logistik. Als besonders Vorteilhaft bewertete man auch das Angebot der schwedischen Luftstreitkräfte zu einer intensiven Zusammenarbeit.
Ganz im Gegensatz zum Auswahlverfahren in Österreich legte Saab den Nachbarn ein gutes Angebot vor: Die Beschaffung von 22 Gripen kostet angeblich um die 3,1 Mrd. Franken (etwa 2,5 Mrd. Euro), 1 Mrd. Franken weniger als die gleiche Anzahl Rafale oder Eurofighter gekostet hätte.
In Österreich betrug der Preisunterschied für eine technisch weniger leistungsfähige Variante des Gripen zum Eurofighter Typhoon nur knapp 3,4 Prozent. Rückblickend betrachtet unterstreicht dieses Ergebnis die Vermutung, dass das Saab-Angebot an Österreich kein gutes Geschäft gewesen wäre.

Laut Angaben von Bundesrat Ueli Maurer soll der Ankauf Mitte 2012 dem Schweizer Parlament vorgelegt werden. Die 22 Flugzeuge sollen in den Jahren 2015 bis 2018 angeliefert werden. Die Möglichkeit einer Endmontage in der Schweiz wird noch geprüft. Gegengeschäfte von schwedischen Unternehmen in der Schweiz sollen im Ausmaß von 100% des Kaufpreises vereinbart werden. Vorbehaltlich der Zustimmung durch das Parlament und das Volk werden in den kommenden Monaten mit Saab exklusive Vertragsverhandlungen geführt.

Der Bundesrat hat das Verteidigungsministerium nun beauftragt, zusammen mit Saab und der schwedischen Regierung den Vertrag fertig zu verhandeln und Optimierungspotentiale zu suchen. Ab Februar 2012 soll über Finanzierungsvarianten diskutiert werden, damit die Beschaffung mit dem Rüstungsprogramm 2012 dem Parlament vorgelegt werden kann. Eine Vertragsunterschrift ist frühestens Ende 2012 möglich.Nach Schweden, Südafrika, Thailand, Tschechien und Ungarn wäre die Schweiz der sechste Betreiber für den Gripen.

Bevor der erste Gripen in der Schweiz landet, könnte tatsächlich noch einige Zeit vergehen. Die Finanzierungsfrage ist noch nicht endgültig geklärt. Kompensatorische Ausgabenkürzungen in anderen Bereichen, wie Bildung, Landwirtschaft und Infrastruktur sind wahrscheinlich. Widerstand ist auch aufgrund des schlechten Abschneidens des Gripen bei den operationellen Tests zu erwarten. Auch eine Volksbefragung wird erwartet. Es gibt also noch zahlreiche Stolpersteine auf dem Weg zum Tiger-Teilersatz.

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